23.08.20 – Emilia Garbsch

Die Gen Z nutzt die Vernetzung nicht nur für Fortnite spielen mit Freund:innen – sondern vor allem für Wandel, Widerstand und Engagement.

Diese Reportage ist Teil des Magenta-Schwerpunkts #WhatWeDoNext, bei dem wir uns mit der Internet-Nutzung junger Menschen beschäftigen.

Im Juni 2020 hielt Donald Trump seine erste Wahlkampfveranstaltung in Tulsa, Oklahoma ab – und wunderte sich nicht schlecht über den fehlenden Andrang. Noch wenige Tage zuvor hatte der Präsident vor Kameras damit angegeben, die wahrscheinlich größte Veranstaltung ihrer Art mit den wahrscheinlich meisten Gästen abhalten zu wollen. Aber trotz über einer Million Ticket-Anfragen kamen nur knapp über 6000 Menschen. Vor der Halle wurde außerdem ein extra Stehbereich errichtet, damit auch abgewiesene Fans auf ihre Kosten kommen. Erwartet wurden auch hier 40.000 Gäste. Es waren am Ende 25.

Der neue Aktivismus verhilft vernachlässigten Gruppen und unterberichteten Geschichten zu mehr Aufmerksamkeit und ist das moderne Äquivalent zu Theaterstürmen, Straßendemos oder Uniprotesten.

Was war geschehen? In einem Wort: TikTok. In mehreren Worten: Einige junge Leute aus der K-Pop-Szene hatten einen Aufruf über TikTok gestartet, Trumps Event zu sabotieren, indem die Menschen massenweise Tickets für die Wahlveranstaltung reservieren sollten – nur um dann zu Tausenden nicht aufzukreuzen.

Das ist nur ein aktuelles Beispiel für die neuen Formen von Protest, die dank sozial-medialer Vernetzung und „Clicktivism“ heute möglich sind. Die Digitalisierung hat die Kommunikation, Organisation und Mobilisierung sozialer Bewegungen enorm beschleunigt. Während es früher Flugblätter, SMS-Gruppen und schließlich Mailverteiler gab, passieren Verbreitung und Organisation jetzt in der digitalen Öffentlichkeit – und erreichen so vor allem junge Menschen. Sie wurden durch Hashtags wie #MeToo, Memes wie OK Boomer und virale Videos wie HOW DARE YOU? oder den Dadosaur auf TikTok mitgeprägt.

Der neue Aktivismus verhilft vernachlässigten Gruppen und unterberichteten Geschichten zu mehr Aufmerksamkeit und ist das moderne Äquivalent zu Theaterstürmen, Straßendemos oder Uniprotesten. Immer öfter sind Online-Aktivist:innen dabei nicht mehr nur Verlängerungen von News-Themen – sie setzen heute selbst oft die Themen, die sonst keine oder viel weniger Beachtung finden würden. Während vor zehn Jahren noch die Skepsis überwog, ob digitale Proteste in der echten Welt überhaupt etwas bewirken, beantwortet sich die Frage heute ganz von selbst. Bei Trump-Events in Tulsa genauso wie bei uns in Österreich.

Ein Video, eine Nachricht, 50.000 Menschen

Am Anfang der drittgrößten Demo im Österreich des 21. Jahrhunderts stand ein Handyvideo, eine Internetrecherche und eine Instagram-Nachricht; sowie dutzende Anrufe, hunderte virale Social Media Postings und ein 19-jähriger Mann. Mugtaba Hamoudah.

Der Fall George Floyd brachte das Fass zum Überlaufen – auch für Mugtaba. Er beginnt, die Namen Schwarzer Menschen, die in Österreich Opfer von Polizeigewalt wurden, zu googeln. Was früher aufwendige Recherche-Wege gebraucht hätte, findet er jetzt mit ein paar Klicks. Und es sind viele Namen. Er denkt sich: Etwas muss passieren.

Mugtaba schreibt der Politikerin Mireille Ngosso auf Instagram. Sie unterstützt ihn sofort bei der Organisation. Viele Telefonate und einige Social Media Postings später, löst die Ankündigung der Black Lives Matter Demo einen selbstverstärkenden Dominoeffekt aus. Retweets, Storys, Facebook-Events.

Magnet GenZ Mugtaba

Mugtaba auf Instagram

Wo mit ein paar tausend Menschen auf den Straßen Wiens gerechnet wird, werden sie letztendlich von 50.000 geflutet. Die meisten Gesichter in der Menge sind jung. Sie haben direkt auf Social Media People of Color über ihre Diskriminierungserfahrungen und Antirassismus sprechen hören. Die Demo-Aufrufe haben sie dutzende Male online gesehen und selbst geteilt – und sind dann auch wirklich hingegangen.

Sie sind damit so etwas wie die Antithese zu einem hartnäckigen Klischee: dass das Internet die Welt oberflächlicher bis destruktiver mache, Handyzeit verschwendete Zeit sei, und „die Jugend von heute“ in einer digitalen Parallelwelt lebe statt im Jetzt.

Wer sind also diese jungen Menschen, über die immer gesagt wurde, dass sie zu viel im Internet, zu unpolitisch, zu abgeklärt sind – und die jetzt online wie offline immer öfter ihre Stimme erheben? Und wie nutzen sie das Internet wirklich?

„Die Sorge, dass die digitale Dauerbeschallung zu einer Generation führen würde, die bewusstlos umher wandelt und sich für nichts mehr interessiert hat sich nicht bewahrheitet“, sagt Philipp Knopp, Protest- und Bewegungsforscher an der Uni Wien.

Mugtaba glaubt, dass sogar das Gegenteil der Fall ist und die Gen Z durch Social Media emanzipiert wurde. Er sieht dank sozialer Medien unter anderem andere gegen Rassismus aufstehen. Als der Rapper T-SER via Instagram auf eine rassistische Polizeikontrolle aufmerksam macht, bestärkt ihn das: „Es hat mir gezeigt, dass andere ähnliche Erfahrungen machen und sich aktiv wehren.“

ECHOKAMMER ODER AUSTRITT AUS DER BLASE?

Es ist heute einfach, sich eine selbstbestätigende, abgeschottete Online-Realität zu schaffen – Stichwort Filterblase –, aber in Wahrheit war es das schon immer. Stammtische, Zeitungsabos, immergleiche Bekanntenkreise und kaum wechselnde Jobs führten schon lange vor dem Sozialen Netz zu ähnlichen Bubbles; das Internet hat, wenn überhaupt, nur die Ausdrucksformen verändert (und konfrontiert uns im Gegenteil oft mit unliebsamen Wirklichkeiten, die wir uns früher nicht freiwillig angesehen hätten).

Das wirklich Neue am sozial-medialen Internet ist die Möglichkeit, mit Realitäten außerhalb der eigenen Lebenswelt in Berührung zu kommen. Früher waren Massenmedien oder viel Geld nötig, um selbst Inhalte an viele Menschen zu verbreiten, heute genügen ein Handy und eine App.

„Ich glaube, die Gen Z hat durch soziale Medien mehr Potential, Politik inklusiver zu denken, weil sie dort diverseren Menschen und Meinungen außerhalb ihres Umfeldes zuhören. Als mein Papa vor 30 Jahren so alt wie ich war, waren überall in den Medien nur weiße Männer und ihre Perspektiven. Heute ist Journalismus immer noch nicht divers genug, aber Minderheiten, die sonst nicht viel Raum bekommen, weichen einfach auf soziale Medien aus“, sagt Mugtaba.

Durch aktivistische Profile beschäftigt sich Mugtaba auch immer mehr mit Diversität, gesellschaftlichen Normen und Feminismus. Er beginnt, medial vermittelte Bilder zu hinterfragen: „Eine muslimische Frau wirst du im Fernsehen immer nur zum Kopftuchverbot sprechen sehen. Social Media gibt ihr die Möglichkeit, das nicht so einseitig darzustellen“, sagt er.

Mugtaba Hamoudah

Ich glaube, die Gen Z hat durch soziale Medien mehr Potential, Politik inklusiver zu denken, weil sie dort diverseren Menschen und Meinungen außerhalb ihres Umfeldes zuhören.

ZEITVERSCHWENDUNG, ABER ALS POLITISCHES STATEMENT

Für Mugtaba ist alles politisch. Auch Katzenvideos, Memes und Handyspiele. „Es bricht mit diesem Narrativ, dass man immer produktiv sein und etwas leisten muss“, sagt er im Gespräch. Genau mit dieser scheinbaren Ambivalenz einer Generation, die sich des Leistungsdrucks entledigt, aber gleichzeitig zielstrebig auf eine bessere Welt hinarbeitet, provoziert und verwirrt die Gen Z viele Ältere.

Aber wenn das Private politisch ist, ist dann im Umkehrschluss das Politische auch privat? Viele junge Menschen würden diese Frage mit einem enthusiastischen „Ja!“ beantworten. Zu ihnen gehört auch die 18-jährige Emily Zanger.

Für sie gehören verwackelte Demovideos und das Teilen von Online-Petitionen genauso zum privaten Profil wie Fotos von Essen und Partys: „Egal welche Reichweite man hat, ob 20 Follower oder zwei Millionen – es ist wichtig, aktiv politisch zu sein. Weil neutral einfach nicht mehr reicht“, sagt Emily. Online tritt sie regelmäßig für die Themen Antirassismus, Feminismus, Klimaschutz und mentale Gesundheit ein.

Magnet GenZ Emily

Emily auf Instagram

Während ihre älteren Verwandten Fotos vom Garten oder Urlaub teilen, oder lustige Zitate in Comic Sans mit Hundewelpen im Hintergrund auf Facebook posten, ist das Internet für Emily ein politischer Ort. „Ich wäre nie der gleiche Mensch ohne Social Media. Das hat mich geprägt und tut es noch immer jeden Tag.“

Durch Frauen, die online über sexuelle Belästigung sprechen, wurde sie für das Thema sensibilisiert. Emily erreichen online Spendenaufrufe, Petitionen und Demo-Ankündigungen und sie teilt sie weiter. „Soziale Medien sind einfach das Sprachrohr unserer Generation. Und wir realisieren gerade erst, wie viel Macht wir durch sie haben“, sagt Emily.

Emily Zanger

Soziale Medien sind einfach das Sprachrohr unserer Generation. Und wir realisieren gerade erst, wie viel Macht wir durch sie haben.

In der Schule musste Emily zahlreiche immer gleiche Aufsätze über die Gefahren der Digitalisierung schreiben. „Das ist schon so hardcore ausgelutscht“, sagt sie. „Ich verstehe nicht, warum ältere Leute nicht die heutige Welt akzeptieren können und sagen: ‚OK, wir haben jetzt diese Situation – wie gehen wir damit um? Wie können wir das Internet verwenden, damit es für uns nicht mehr unnötig ist, anstatt ständig nur zu jammern?‘“

WIE AUFTRETEN OHNE BÜHNE?

Als Emily, die auch selbst Musikerin ist, bemerkt, wie viele aus der Branche durch die Lahmlegung des Kulturbetriebs seit Beginn der Coronakrise „broke as fuck“ sind, wie sie sagt, organisiert Emily ein Onlinefestival. Non-Profit. Emily bewirbt es über einen Instagram Account; die Konzerte sind Live-Streams, die Tickets dafür verkauft sie über ein digitales Fundraising-Konto.

Für das Klima-Volksbegehren, bei dem sie im Social Media-Team aktiv war, stellt sie innerhalb von vier Tagen ein Line-Up im Alleingang auf, indem sie Telefonat um Telefonat führt, bis ihr Handy heiß läuft. Und – es ist ein Muster – die Bewerbung dafür passiert praktisch ausschließlich online.

Mehr zum Thema Kunst und Kultur im digitalen und analogen Raum unter Corona lest ihr hier.

Auch die 17-jährige Klima-Aktivistin Marie Themel bezieht die meisten ihrer Informationen über soziale Medien. Ihr erster Berührungspunkt ist die Nachhaltigkeitsinfluencerin Dariadaria. Marie beginnt, bewusster zu konsumieren.

Sie sieht Postings eines Tierschutzvereines über Massentierhaltung – und als sie anfängt, sich näher zu informieren, wird sie daraufhin Veganerin. Auf Instagram stolpert sie über die Grüne Jugend, die zu einem Treffen einlädt. Heute ist Marie sowohl dort als auch bei Fridays for Future aktiv.

Magnet GenZ Marie

Marie auf Instagram

Online diskutiert Marie oft in langen Nachrichten-Sessions für Stunden mit Andersdenkenden. „Die Informationsvielfalt durch Social Media hilft uns, Dinge, die als Norm angesehen werden, zu hinterfragen und gleichzeitig auch Sachen zu normalisieren, die in unserer Gesellschaft oft tabuisiert werden“, meint sie.

Manchmal schreiben ihr Leute, dass Marie die einzige in ihrem Umfeld sei, die politische Inhalte aufgreife, und sie nur deshalb mit gewissen Themen in Berührung gekommen seien. Ihre Themen: Klima- und Tierschutz, Self Care, Empowerment und Feminismus. Zu letzterem betreibt sie auch den Instagram-Account @Solange_theproject – ein Kunstprojekt von Katharina Cibulka, bei dem feministische Sprüche als pink-farbige Schnur auf Baustellenverkleidungen angebracht werden.

Marie Themel

Die Informationsvielfalt durch Social Media hilft uns, Dinge, die als Norm angesehen werden, zu hinterfragen und gleichzeitig auch Sachen zu normalisieren, die in unserer Gesellschaft oft tabuisiert werden.

YOU CAN’T BE WHAT YOU CAN’T SEE

Die Gen Z führt heute international Bewegungen an: Egal ob die Klima-Aktivistin Greta Thunberg aus Schweden, die Feministin Malala Yousafzai aus Pakistan, der Demokratie-Aktivist Joshua Wong Chi-fung aus Hong Kong oder die Aktivistin gegen Waffengewalt Emma González aus den USA. Sie zeigen anderen: Du kannst viel bewegen, egal wie alt du bist.

Die Proteste des Arabischen Frühlings, die griechischen Krisenproteste seit 2008 und die internationale Fridays for Future Bewegung sind alle zu einem großen Teil von jungen Menschen getragen. „Alle großen Jugendbewegungen seit 2008 zeigen, dass die Fähigkeit Jugendlicher, sich organisiert und kollektiv am politischen Prozess zu beteiligen, stark gestiegen ist“, sagt Knopp. Die Tatsache, dass autoritäre Regime – wie etwa Ägypten während des Arabischen Frühlings oder aktuell der Iran – soziale Medien immer wieder abschalten, um Proteste zu stoppen, ist ein weiterer Beweis für deren Schlagkraft. Und die haben eben auch internationale Jugendbewegungen schnell erkannt.

„Jungen Menschen ist klar geworden, dass sie nicht den Wohlstand ihrer Eltern haben werden, wenn sich nichts ändert“, erklärt Knopp. „Aber gleichzeitig gehen sie davon aus, dass es Alternativen gibt, zu der Art wie wir gerade leben. Sie verstehen sich als handlungsmächtig und emanzipiert. Es gibt das Gefühl, dass man als junger Mensch in Verantwortung ist, sich einzusetzen.“

WIE STREIKEN WIR IM LOCKDOWN?

„Wir hatten plötzlich nicht mehr die Möglichkeit, unsere Stimme auf der Straße zu erheben“, erinnert sich Marie an den Beginn der Coronakrise. Also verlegt die Bewegung die Streiks ins Internet. Statt Megafon und Demowagen, braucht es jetzt Livestream und Hashtags. Ohne Digitalisierung wäre alles lahmgelegt worden. So sitzt Marie in stundenlangen Videokonferenzen, um sich über Strategien auszutauschen.

Marie arbeitet für ein Projekt mit einer Expertin aus Deutschland zusammen und hat Calls mit den Fridays for Future in Italien, um Aktionen abzustimmen. „Ich bin mit Leuten überall auf der Welt verbunden. Man kann heute so schnell miteinander ohne Kosten reden“, erzählt Marie. Das macht die Koordination internationaler Bewegungen wie den Fridays for Future erst möglich. „Freunde und Freundinnen aus meinem Auslandssemester in Australien antworten manchmal auf meine Storys und erkundigen sich, was bei mir los ist“, sagt Marie. Durch diese globale Vernetzung fühlen sich viele aus der Gen Z auch zu geographisch weiter entfernten Themen verbunden und solidarisieren sich international.

Natürlich hat das Internet wie jedes Medium auch alte Probleme verstärkt und neue geschaffen. Es ist immerhin Abbild unserer Gesellschaft. Der Ort von Selbstinszenierung, aber eben auch der Selbstreflektion; ein Ort voller Cyber-Bullying, aber für viele auch der einzige Safe-Space.

Das Internet ist der Geburtsort des Shit-Storms, aber auch der Flower-Rains, von Netz-Hass, aber auch Empowerment. Es ist der Ort der Fake News, aber gleichzeitig auch der Platz, an dem junge Menschen oft mehr Medienkompetenz lernen als in der Schule – um dann die Malware von den PCs ihrer Eltern zu entfernen, die wieder mal auf eine Spam-Mail hereingefallen sind.

Kurz: Das Netz sind viele Netze. Aber die Gen Z ist gerade auf einem guten Weg, sie zu besseren Orten zu machen.

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Mehr zum digitalen Leben der Gen Z unter #WhatWeDoNext

Emilia × Magnet

Emilia Garbsch

Emilia Garbsch gehört selbst zur Gen Z und der Klimabewegung. Auch für sie war Social Media identitätsstiftend – und der Ort an dem sie manche ihrer engsten Freund:innen kennengelernt hat. Journalistisch ist Emilia bei ANDERERSEITS und als freie Autorin bei DATUM tätig.

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