12.12.19 – Theresa Lachner

Pornografie ist das größte popkulturelle Massenphänomen unserer Zeit – ABER WAS MACHT SIE WIRKLICH MIT UNS, UNSERER SEXUALMORAL, UNSERER GESELLSCHAFT UND UNSERER WELT?

Dieser Artikel ist Teil unseres großen SCIENCE F**KTION Schwerpunkts, in dem wir verschiedene Aspekte von Sex im digitalen Zeitalter untersuchen. Ausgangspunkt für diesen und alle weiteren Artikel ist die MAGNET-Studie zu Sex und Digitalisierung 2019, die mit allen Ergebnissen hier abrufbar ist.

Man kann Pornografie aus sehr vielen Blickwinkeln beleuchten, aber eines lässt sich ganz zweifelsfrei und neutral feststellen: Sie ist da und sie wird mehr. Eine der größten Streaming-Websites gibt an, 92 Millionen Seitenaufrufe pro Tag zu haben. 962 Suchanfragen pro Sekunde. 87 Milliarden Filme pro Jahr – das sind zwölf pro Erdbewohner*in. Von denen allerdings nur 42 Prozent überhaupt Zugang zum Internet haben. Und: es gibt unzählige solcher Streaming-Seiten, die meist so ähnlich aussehen wie YouTube, nur mit mehr blinkender Penisverlängerungsmittel – oder Prostitutionswerbung. In der Regel sind sie gratis abrufbar, nur einen „Bist du über 18?“-Klick entfernt.

In Anbetracht dieser Zahlen wäre es ein Understatement zu behaupten, dass Pornografie unsere Zeit prägt. Kein anderes popkulturelles Phänomen, kein Medium wird in derartigen Massen konsumiert. Aber was macht es wirklich mit uns, unserer Sexualmoral, unserer Gesellschaft und unserem Sex?

Pornografie treibt schon seit der Erfindung des Buchdrucks die technologische Entwicklung voran

Grundsätzlich sind Pornos keine besonders neue Erfindung. Schon vor 27.000 Jahren gab es in Ton gebrannte Schmuddelbildchen, das Wort Pornografie stammt aus der griechischen Antike und bedeutet übersetzt „von Huren schreiben“. Die 1970er Jahre gelten als „Golden Age of Porn“, Acht-Millimeter-Filme wie „Deep Throat“, in der eine Frau ihre Klitoris im hinteren Rachenraum entdeckt und süchtig nach Blowjobs wird, bringen die Menschenmassen ins Kino.

Neue Technologien wie VHS-Kassetten und Videokameras werden auch dank der Pornografie Teil jedes guten Haushalts. „Erotic Technological Impulse“ nennt John Tierney von der Columbia Universität das – die Pornografie treibt, seiner Forschung zufolge, schon seit der Erfindung des Buchdrucks die technologische Entwicklung voran. Ende der 70er-Jahre hatten rund 75 Prozent der verkauften Videokassetten pornografische Inhalte. Sie verändern den Markt, die Budgets und die Produktionen zum ersten Mal entscheidend.

Und dann kommt das Internet: Bereits Mitte der 1990er hatte die Studie „Marketing Pornography on the Information Superhighway“ ergeben, dass 80 Prozent aller verbreiteten Bilder sexuelle Inhalte haben. Wäre man damals doch so geistesgegenwärtig gewesen, sich die Domain sex.com zu sichern …

F***-FACT: Tun trotz Tabu

2 von 3 Österreicher*innen sind sich einig, dass man über den eigenen Porno-Konsum nicht spricht.

Heute ist Pornografie allgegenwärtig und in so gut wie jedem Smartphone-Browserverlauf zu finden – und bleibt dabei doch gleichzeitig merkwürdig unsichtbar. Oder wann habt ihr euch zuletzt mit euren besten Freund*innen über eure Vorlieben für Stiefmütter, Uniformen oder die deutsche Nachbarin ausgetauscht? Das sind laut Datenauswertung einer der größten Streaming-Seiten nämlich die meistgeschauten Kategorien der Österreicher*innen.

In diesen Reports, die zum Jahresende massenmedial regelmäßig genüsslich ausgeweidet werden, zeigt sich so ungefiltert wie nirgendwo sonst, was uns erregt und worauf wir stehen – weit weg von der sozialen Erwünschtheit standardisierter Fragebögen und stotterigen Interviewerhebungen.

Was machen Pornos mit unserem Sexleben?

Erst mal lässt sich wohl feststellen, dass der Einfluss von Pornos auf unsere Sexualität nicht nur absolut großartig ist: Jugendliche haben im Schnitt später und seltener Sex als vor 20 Jahren, die sexuell aktivste Generation überhaupt ist die ab 65 Jahren aufwärts. Jüngere fühlen sich zusehends von Schönheitsidealen und Performances unter Druck gesetzt, und geben in Studien an, Sex wäre ihnen „zu anstrengend“.

Eine Metaanalyse aus 22 Studien bestätigte außerdem, dass Menschen, die viel Pornografie konsumieren, im Schnitt sexuell aggressiver sind und eher sexuell übergriffige Handlungen ausführen. Eine Studie der Yale University zeigt auf, dass Pornokonsum dazu führt, dass Männer Frauen eher „animalisieren“, sprich, sie so behandeln, als wären sie nicht zu komplexen Gedanken in der Lage.

F***-FACT: Jeder dritte Mann lebt seine Fantasien im Netz aus

Ein Drittel aller österreichischen Männer gibt an, dass sie ihre Sex-Fantasien vorwiegend online befriedigen. Im Vergleich wählt nur eine von 10 Frauen das Internet als Quelle für die sexuelle Selbstverwirklichung.

Es ist auf jeden Fall aufschlussreich zu beobachten, wie sich Pornos auf tatsächliche sexuelle Handlungen auswirken. In den Nullerjahren war es der Cumshot, sprich, der sichtbare Höhepunkt des Mannes, der einen Porno beendete und massenweise junge Frauen in Schlafzimmern weltweit zum Kopfschütteln brachte, und Männer auf die Frage, was sie daran eigentlich gut finden würden, nicht mehr als ein Schulterzucken abrang. „So halt. Ist halt geil. Macht man so.“

Umso bitterer sind die Ergebnisse einer repräsentativen Studie aus England, die jüngst im Auftrag der BBC durchgeführt wurde: Ganze 38 Prozent aller britischen Frauen unter 40 gaben an, während des Sex schon mal ohne ihr Einverständnis geschlagen, gewürgt oder bespuckt worden zu sein. 20 Prozent dieser Frauen gaben an, sich danach verstört oder verängstigt gefühlt zu haben.

Nur noch mal kurz zur Einordnung: BDSM, also bewusst und in beiderseitigem Einverständnis durchgeführte Sexualpraktiken, in denen es unter anderem um körperliche und/ oder mentale Machtspiele und Erniedrigung geht, sind die eine Sache, die von den Praktizierenden im Idealfall als durchaus empowernd wahrgenommen wird, aber eben auch sehr viel gute Kommunikation voraussetzt.

F***-FACT: Living the Porn-Life

Mehr Männer als Frauen wünschen sich, dass ihr Sexleben mehr aussehen soll wie in Pornos: 28% der Männer aber nur 9% der Frauen wünschen sich das.

Jemanden ohne Vorwarnung zu schlagen, würgen oder zu bespucken, ist nichts anderes als ein sexueller Übergriff. 42 Prozent der in der Studie befragten Frauen geben an, dass sie sich dazu gedrängt gefühlt hätten, diesen gewalttätigen und für sie mitunter lebensgefährlichen Praktiken zuzustimmen. „Menschen denken, das wäre die Norm, aber es kann sehr gefährlich sein. Was wir oft sehen, ist, dass es die Beziehung herabsetzt. Im schlimmsten Fall wird Gewalt akzeptabel,“ kommentiert der britische Therapeut Steven Pope die Studienergebnisse.

Wer bei Lebensmitteln auf Bio achtet, darf sich auch beim Sex auf dem Bildschirm kurz Gedanken machen, ob er mit artgerechter Menschenhaltung produziert wird.

Behalten die Feministinnen der zweiten Generation, die schon Mitte der 80er-Jahre ein komplettes Pornografieverbot forderten, am Ende also doch recht? Nicht zwangsläufig. Abgesehen davon, dass ein solches Verbot komplett realitätsfremd ist, gibt es inzwischen zum Glück wesentlich konstruktivere Ansätze: eine Riege feministischer Pornograf*innen, die Filme mit neuen Narrativen, fairen Produktionsbedingungen und weiblichem Blickwinkel produziert. Diversität statt Einschränkungen, also. Dank der Digitalisierung können auch immer mehr von ihnen von ihrer Arbeit leben.

Woran man sie erkennt? Zunächst mal an der Paywall. Porno, der sich nicht über Millionen Ad-Views finanzieren lässt, muss eben andere Finanzierungswege finden. Aber wer 3 Euro mehr für Bio-Eier ausgibt, darf sich ruhig auch kurz Gedanken machen, ob der Sex auf dem Bildschirm mit artgerechter Menschenhaltung produziert wird. Im Zweifelsfall sollten wir fairen Pornos mit derselben Selbstverständlichkeit den Vorzug geben, mit der wir auch ein Streaming-Abo für Netflix abschließen.

Im Zweifelsfall sollten wir fairen Pornos mit derselben Selbstverständlichkeit den Vorzug geben, mit der wir auch ein Streaming-Abo für Netflix abschließen.

Dabei ruhig auch nochmal checken: Wer steht hinter dem Produzierten? Zeigen sich Regisseur*innen und Produzent*innen in Interviews? Sind der Cast und die Set-Mitarbeiter*innen divers? Auch wenn „Porno für Frauen“ nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass am Ende geheiratet wird: Gibt es eine Handlungsmotivation der Protagonist*innen, die über das allgegenwärtige Casting-Couch-Narrativ, bei dem eine Frau in Sex „hinein getrickst“ wird und mitmacht, bis es ihr schließlich widerwillig doch gefällt, hinausgeht? Sieht man vielleicht sogar Zärtlichkeit, Intimität? Oder einfach nur zwei Menschen, die sich zwischendurch auch mal in die Augen schauen?

F***-FACT: Ein Drittel kennt VR-Porn, nur 10% kennen Deepfake-Porn

Spezielle Formen von „Pornos“ sind nur einer Minderheit der Österreicher*innen bekannt. 34% kennen „Virtual-Reality-Pornos“, 21% kennen „Pornos mit Avataren“, 19% kennen „Pornos zum Anhören/Porno Podcasts“, 16% kennen „Augmented-Reality-Pornos“. Nur 10% haben schon einmal von „Deepfake-Pornos“ gehört.

„Etwas, das sich so anfühlt wie Intimität.“

Der Blick in die Zukunft stimmt doch ein bisschen versöhnlich: Bei einer Sex-Tech-Konferenz vergangenen Sommer diskutieren auf einem Panel mehrere Brancheninsider über Realdolls, Virtual-Reality-Porn und immer ausgeklügeltere Toys. Auf die Frage, welche Anfragen sie von den meisten Menschen bekommen, antworten sie einstimmig: „Etwas, das sich so anfühlt wie Intimität, wie in einer Beziehung.“ Auch wenn wir inzwischen wohl wesentlich öfter unsere Smartphones streicheln als unsere Mitmenschen: So ganz wird sich dieser Wunsch wohl nie von virtuellen Gerätschaften wegrationalisieren lassen.

Dieser Artikel ist Teil des MAGNET-Schwerpunkts „Science F**ktion: Österreichs Sex im Zeitalter der Digitalisierung“. Die Ergebnisse unserer großen Sex-Studie findest du hier. Hier findest du unseren Artikel zum weiblichen Orgasmus im digitalen Zeitalter. Hier liest du alles über Sextoys.

BESONDEREN DANK AN:

Theresa × Magnet

Theresa Lachner

Theresa Lachner ist Journalistin, Sexualberaterin in Ausbildung und Gründerin des größten deutschsprachigen Sexblogs LVSTPRINZIP. Dort behandelt sie Themen, die in den meisten Mainstreammedien immer noch tabuisiert werden. Ihr Buch „Lvstprinzip“ erschien vor kurzem bei Blumenbar.

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