12.12.19 – Johannes Grenzfurthner

Für einige gehören sie schon längst dazu, für andere sind sie immer noch tabu. Aber Sextoys können nicht nur die Lust steigern, sondern auch sexuelle Möglichkeitsräume und sinnliche Digitalitäten eröffnen.

Dieser Artikel ist Teil unseres großen SCIENCE F**KTION Schwerpunkts, in dem wir verschiedene Aspekte von Sex im digitalen Zeitalter untersuchen. Ausgangspunkt für diesen und alle weiteren Artikel ist die MAGNET-Studie zu Sex und Digitalisierung 2019, die mit allen Ergebnissen hier abrufbar ist.

Wenn wir über die Geschichte der Menschheit reden, müssen wir unweigerlich auch über die Geschichte von Sexualität, Pornografie und Sex-Toys reden. Von den tausende Jahre alten Höhlenzeichnungen einer Vulva bis zum neuesten Gonzo-VR-Porno-Live-Stream – Technologie, Medien und Sexualität waren schon immer eng miteinander verbunden. Wir dürfen nämlich die beiden fundamentalen Wahrheiten der menschlichen Spezies nicht vergessen: der Mensch ist ein sexuelles Wesen – und verwendet Werkzeuge.

Seit wir über uns, unseren Körper und die lustvollen Möglichkeitsräume unserer Existenz Bescheid wissen, loten wir diese auch aus – und keine gesellschaftlichen Einschränken halten uns lange davon ab. Bereits vor über 3000 Jahren wussten die Ägypter*innen von der Wirkung des Dildos zur Steigerung des sexuellen Lustempfindens. Sie benutzten damals Ton als Werkstoff. Aus Porzellan gefertigte Dildos gab es bereits im alten China, doch die Wurzeln liegen sogar noch weiter zurück.

Sogar der Internet-Boom der 1990er ist dem Verlangen nach digitaler Pornografie zu verdanken. Es gab tatsächlich einen Tag in der Geschichte des Internets, als mehr als 80% des Traffics „Schmuddelzeug“ waren.

F*** Fact: Die Nutzung von Sextoys heute

Mehr als die Hälfte aller Österreicher*innen ab 18 Jahren (55%) nutzen zumindest hin und wieder Sextoys. 43% nutzen Sextoys auch gemeinsam mit anderen. Geschlechterspezifische Unterschiede gibt es in der Verbreitung kaum, wie die aktuelle Magenta-Studie zeigt: Während in Österreich 55,7% der Männer zumindest manchmal Sextoys nutzen, sind es bei den Frauen 53,9%.

Und auch die Trägermedien haben sich natürlich gewandelt: von Kupferstich zum Hentai-Game, von Ölfarbe zu digitalen Gadgets.

Viele neue Medien sind auch ganz gezielt mit dem Hintergedanken der pornografischen Verwendung angetreten. Ein Beispiel dafür ist die Sofortbildkamera. Schon 1947 erfunden, wurde sie vor allem in den 1960ern populär. Von 1965 bis 1970 gab man der kleinen Polaroid-Kamera in der Vermarktung sogar den Beinamen „Swinger“ – ein Wortspiel mit der doppelten Bedeutung von „swing“ im Sinne von Schwenken der Fotos, aber auch im Sinne von Swingen. Manche Fotos, die im trauten Eigenheim aufgenommen wurden, sollten eben bewusst nicht zur Entwicklung im Fotolabor gebracht werden müssen.

Auch das Videoformat VHS konnte sich nur deswegen als dominantes Videosystem etablieren, weil die Pornoindustrie auf das Format gesetzt hat. Die Lizenzgebühren waren einfach billiger als bei der Konkurrenz von Sony oder Philips, weshalb mehr Pornotitel auf VHS veröffentlicht wurden – und in weiterer Konsequenz auch mehr Konsument*innen deswegen VHS-Geräte kauften. Die Zeiten von notgedrungenen Sexkino-Besuchen in der Halböffentlichkeit waren damit vorbei.

Sogar der Internet-Boom der 1990er ist dem Verlangen nach digitaler Pornografie zu verdanken. Es gab tatsächlich einen Tag in der Geschichte des Internets, als mehr als 80% des Traffics „Schmuddelzeug“ waren.

Kaum ist ein neues Medium der Öffentlichkeit zugänglich, wie Fotografie oder Bewegtbild im späten 19. Jahrhundert, wird es auch pornografisch verwendet.

Wie David Kushner in seinem Internet-Sachbuch The Players Ball nachweist, handelt es sich dabei nicht um eine urbane Legende.

Generell ist festzustellen, dass viele Innovationen des frühen Internets von der Pornoindustrie entwickelt und eingeführt wurden. Die kleinen, technophilen Businesses waren wie kleine Research & Development-Zentren und noch heute liegt so manches technologisches Patent bei Leuten, die es damals für das Adult-Entertainment-Business konzeptioniert hatten.

Auch der schnelle Sprung zu Breitband – und dadurch möglichen Services wie Video-Streaming und Webcam-Chats – wäre nie so schnell möglich gewesen, hätten Nutzer*innen nicht Interesse am Download von hochauflösenden Pornos und blue movies gehabt.

Dabei ermöglicht uns die Technologie, auch uns neu zu erfinden. Neue Sextoys bedeuten nicht nur ganz praktisch mehr Gadgets und damit auch mehr Konsum, wie man vielleicht kritisieren könnte; ein größerer Markt für Sextoys heißt auch, dass Sextoys differenzierter betrachtet und unterschiedlicher gebaut werden. Das ist vor allem für Menschen wichtig, die mit dem normativen Standard-Geschmack wenig anfangen können und bisher keine große Wahl hatten.

Von Do-It-Yourself zu Smart: Sexuelle Freiheit im Wandel der Zeit

Neue Sextoys schaffen also auch neue Möglichkeiten für gesellschaftlich unterrepräsentierte Gruppen und ihre Bedürfnisse. Bis die Industrie diesen Markt für sich entdeckte und individuelle Sextoys als massen- und vermarktungstauglich gesehen wurden, war deshalb der Do-It-Yourself-Gedanke besonders wichtig.

Menschen sind zu kreativen Höchstleistungen fähig, wenn es um Sex geht. Wir tun alles, damit unsere Vorlieben und Kinks wahr werden können. Ich persönlich kenne beispielsweise einen Wissenschaftler aus Kalifornien, der an dieser Stelle anonym bleiben möchte und über 12 Jahre Forschung betrieben hat, um für sich selbst den perfekten vibrierenden Butt-Plug herzustellen. Für mich immer noch das beste Beispiel dafür, dass kreative sexuelle Energie nicht zu unterschätzen ist.

Menschen sind zu kreativen Höchstleistungen fähig, wenn es um Sex geht.

Auch Trans-Personen sind daran interessiert, dass für neue Körperformen auch neue Sex-Toys geschaffen werden, die der Hetero-Mainstream nicht anbietet. Hier wird selbst zum Arduino-Kit und Lötkolben gegriffen und individuell abgestimmte Toys gebastelt, die besser den neuen biologischen Realitäten von Trans-Personen entsprechen. Interessanterweise gibt es auch weitaus mehr weibliche Sex-DIY-Aficionados als in einer technisch dominierten Szene zu vermuten wäre.

Dass wir in einem patriarchalen Machtgefüge feststecken, macht die Welt der Sexualität natürlich einseitiger und verzerrter. Aber unser Umgang mit Technologie kann dabei helfen, das zu verändern. Denn Technologie ermöglicht uns auch, uns selbst neu zu erfinden. Nicht im Sinne eines konsumistischen Zugriffs nach Luxus-Tools, sondern in der Frage nach den persönlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen, die unterrepräsentiert sind und gestärkt werden sollten. Die Frage stellt sich nur, ob Menschen auch bereit sind für (sexuelle) Freiheit.

F***-Fact: Smarte Sextoys sind eher männlich

Während insgesamt 43% aller Österreicher*innen schon einmal von smarten Sextoys gehört haben, ist hier ein deutliches Gender-Gefälle zu beobachten: Das Phänomen von Sexspielzeugen, die man via App und Smartphone steuert, ist deutlich mehr Männern (51%) als Frauen (35%) ein Begriff.

Fuck the System: Hi-Tech-Sextoys als Widerstand

Sex-Technologie bietet breite Fronten des (auch kommunikativen) Widerstands. Fuck the system – und zwar wortwörtlich. Teledildonik und Sex-Machines, Bio-Hacking und Screw-It-Yourself, Körper mit erweiterten sexuellen Möglichkeiten, erotisch-genetische Utopien und die Vielfalt der Sichtweisen auf Gender und Geschlecht stehen schon lange im Fokus der Literatur, der Science-Fiction und der Pornografie. Zeit, sich diesen Träumen und Wünschen sowohl analytisch als auch sinnlich zu widmen.

Kritik kommt – wenig überraschend – vor allem von konservativer Seite, aber interessanterweise auch von liberaler und linker. Es gibt tatsächlich Vorwürfe, dass die Beschäftigung mit Sextoys und der Zukunft von Sexualität nur „heuchlerisch“ wäre, ja geradezu „egoistisch und unsolidarisch“. Immerhin gäbe es „dringlichere Kampfzonen“ des Widerstands. Den „wirklich Unterdrückten“ würde das doch alles nichts bringen. Da „würden sich doch ohnehin nur ein paar Bobos gut vorkommen“, heißt es.

Das mag auf den ersten Blick stimmen; auf den zweiten Blick geht es aber auch darum, dass neue Spielzeuge auch neue Debatten auslösen und zu einem neuen, modernen Verständnis von Sex führen. Nur eine widerständische, subversive, queere Politik der (Sex-)Zeichen kann eine handfeste Intervention im Zentrum der Gesellschaft bewirken.

Neue, zum Teil bereits smarte Sextoys liefern moderne Antworten auf diese Fragen und helfen uns dabei, unsere Lust und unser sexuelles Selbstbild noch weiter zu erforschen.

Neuer Sex, neue Toys, NEUE DEBATTEN

Es gibt nicht nur Connected Underwear – also Unterwäsche, die die Aufmerksamkeit vom Handy auf die*den Partner*in lenken soll –, sondern zum Beispiel auch Projekte, die Frauen mittels Elektrostimulation nachempfinden lassen, wie es sich anfühlt, einen Penis zu haben.

Die Entscheidung von Facebook, ein breiteres Spektrum an Gender-Einstellungen bereitzustellen, als nur zwischen männlich und weiblich zu wählen, war für viele Leute ein Tag des Triumphs. Der Fall zeigte klar: Bei Sex und Technologie geht es nicht nur um die Zukunft von Vibratoren, Sex-in-Videogames, Fucking-Machines oder dem Google-Kalender für Polyamoröse. Es geht immer auch um Fragen wie: „Was ist Identität?“ und: „Wie definieren wir unseren Körper?“

Und damit sind wir noch lange nicht am Ende der Entwicklung angekommen: Der Autor David Levy prognostizierte vor ein paar Jahren, dass wir uns bis zur Mitte des Jahrhunderts in Roboter verlieben und sie sogar heiraten werden. Für mich ist das ein absoluter No-Brainer, denn eigentlich sehen wir die Vorstufe davon bereits in der Gegenwart. Wir glauben heute schon, dass unser Excel uns hasst, wenn es wieder einmal abschmiert, während wir manche Apps regelrecht lieben und Glückshormone ausschütten, wenn wir sie mit dem Finger antippen. Es gibt bekanntlich sogar Leute, die in ihre Autos verliebter sind als in ihre menschlichen Partner*innen. Objektsexuelle haben schon den Eiffelturm oder Reste der Berliner Mauer geheiratet.

F***-Fact: Sex mit Robotern ist für 3-mal so viele Männer wie Frauen vorstellbar

Insgesamt stimmen nur 15 % aller Österreicher*innen der Aussage „Ich kann mir Sex mit einer Puppe/einem Roboter vorstellen“ zu – davon allerdings sind deutlich mehr Männer (22 %) als Frauen (7 %).

Das Problem sozialer Entfremdung ist nicht grundlegend ein Problem von Technologie. Technologie verstärkt lediglich Tendenzen, sie entwickelt sie nicht. Vor diesem Hintergrund wäre es heutzutage extrem rückschrittlich, eine Definition von „wahrer“ Sexualität zu suchen und erst recht wieder Menschen auszugrenzen, die ihre Bedürfnisse anders ausleben. Wer will sowas?In einer offenen Gesellschaft sollte es akzeptiert werden, dass die Bandbreite menschlicher Empfindungen und Sexualitäten (sic!) unendlich groß und komplex ist. Die Frage, ob VR-Porn und smarte Sexpuppen menschlichen Kontakt „degenerieren“ können, ist genauso kulturpessimistisch wie die Aussagen des Komponisten John Philip Sousa von 1906. Er hatte damals Angst, dass der Mensch sich zum unkreativen Affen zurückentwickeln werde, wenn der amerikanische Kongress Musikmaschinen (wie zum Beispiel selbstspielende Pianos) zulassen würde.

In einer offenen Gesellschaft sollte es akzeptiert werden, dass die Bandbreite menschlicher Empfindungen und Sexualitäten (sic!) unendlich groß und komplex ist. Die Frage, ob VR-Porn und smarte Sexpuppen menschlichen Kontakt „degenerieren“ können, ist genauso kulturpessimistisch wie die Aussagen des Komponisten John Philip Sousa von 1906. Er hatte damals Angst, dass der Mensch sich zum unkreativen Affen zurückentwickeln werde, wenn der amerikanische Kongress Musikmaschinen (wie zum Beispiel selbstspielende Pianos) zulassen würde.

Sex-Toys zerstören unsere Intimität nicht, sie helfen uns damit. Viel wichtiger wäre es, die digitale Sex-Zukunft zu akzeptieren und schon jetzt auf die immens wichtigen Sicherheitsaspekte dieser Tools zu achten. Die Sicherheit digitaler Sexwerkzeuge stellt immer noch ein großes Problem da. Wie schlecht abgesichert Intimspielzeug oftmals ist, zeigte etwa ein Hacker aus dem CCC-Umfeld. Er machte bekannt, dass der Panty Buster-Vibrator und die zugehörige App, mit der auch weitere Vibratissimo-Geräte zusammenarbeiten, drastische Sicherheitsprobleme hatten. Er konnte etwa auf die Datenbank aller angemeldeten App-Nutzer zugreifen, in der sich auch Bilder und Daten zur sexuellen Orientierung befanden. Und das vollkommen unverschlüsselt. Die Gesellschaft muss sich schon jetzt mit diesen neuen Problemen auseinandersetzen, denn verwendet werden diese Tools in Zukunft garantiert.

Der bisherige Lauf der Geschichte legt nahe, dass Sex auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der technologischen Entwicklung spielen wird und dass Technologie und deren Anwendung die menschliche Sexualität beeinflusst und gestaltet. In diesem Sinne: Get it on!

Dieser Artikel ist Teil des MAGNET-Schwerpunkts „Science F**ktion: Österreichs Sex im Zeitalter der Digitalisierung“. Die Ergebnisse unserer großen Sex-Studie findest du hier. Hier findest du unseren Artikel zu Pornokonsum. Hier geht es zum Beitrag über den weiblichen Orgasmus im digitalen Zeitalter.

BESONDEREN DANK AN:

Johannes × Magnet

Johannes Grenzfurthner

Johannes ist Künstler, Filmemacher, Autor, Kurator und Forscher. Das Boing Boing Magazin nannte ihn einmal einen „Leitnerd“. Er gründete die Kunst- und Theoriegruppe monochrom und veranstaltet u.a. die Arse Elektronika – Festival für Sex und Technologie.

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