05.06.20 – Angela Lehner

Nichts altert schneller als die Zukunft von gestern. Damit wir nicht den falschen Fährten folgen, sondern uns weiterhin die richtigen Fragen stellen und neue Perspektiven kennenlernen, laden wir junge österreichische Autor*innen ein, ihre Visionen von morgen mit uns zu teilen. Die folgende Kurzgeschichte ist Teil dieser Reihe.

„Wir haben Backerbsensuppe gegessen“, sag ich.

Ich schaue aus dem Fenster und beobachte die Lichter der Stadt. Auf der Scheibe spiegelt sich mein Gesicht, die Falten gehören mittlerweile zu meiner Identität.

„Und das hat Ihnen geschmeckt”, sagt die Ärztin.

„Man musste halt schnell essen“, sag ich, „sonst ist die Suppe kalt geworden und die Backerbsen haben sich vollgesogen.“

Die Ärztin schmunzelt unwillkürlich über diese Absurdität. Das kann sich das Balg nicht vorstellen, wie das Leben war, vor Gschmackig™.

Es ist mir ganz gleich, was das System mit der Emission bewirkt hat, mit dem Welthunger und dem Feminismus: Mich interessiert ein anderes Verfahren mehr.

Dass Gschmackig™ ausgerechnet ein Österreicher erfunden hat, war gleichermaßen unwahrscheinlich wie unvermeidlich. Das System, sagt man heute, ist die bedeutendste Erfindung nach dem Rad. Darüber kann ich nur lachen, über die immer warmen Suppen, die immer knackigen Pizzakrusten, das immer kalte Eis.

Es ist mir ganz gleich, was das System mit der Emission bewirkt hat, mit dem Welthunger und dem Feminismus: Mich interessiert ein anderes Verfahren mehr. Und ich würde nicht seit einem Jahr täglich Gespräche mit der Ärztin führen, mich ihrer jugendlichen Einfalt aussetzen, wenn nicht sie es wäre, die zwischen mir und dem endlichen Glück stünde.

„Also die Backerbsen haben sich vollgesogen“, sagt die Ärztin.

„Theoretisch, ja“, sag ich, „aber bei mir nicht. Ich habe ja gewusst, was passiert und schnell gegessen. Du verbrennst dir den Mund, hat die Mutter mich immer ermahnt. Und sie hatte Recht: Oft hat mir die Zungenspitze noch nach Tagen wehgetan.”

„Jedenfalls“, sag ich mit fester Stimme, „geht es ja nicht um die Suppe, sondern um das Geschenk.“

Ich muss aufpassen, mich nicht in Erinnerungen zu verlieren. Das ist mir schon einmal passiert, und dann war die Konvertierung nicht möglich.

Das hier ist meine letzte Sitzung, ich muss meinen absoluten Willen zeigen, sonst bekomme ich die Genehmigung nicht.

„Die Mutter hat mir das Geschenk hingelegt“, sag ich, „eingepackt in gepunktetes Papier. Ich hab gleich gewusst, was es ist, ich hab es mir ja so lange gewünscht. Ich riss das Papier runter und mein Glück war vollkommen. Mein Tamagotchi war rosarot, drei graue Knöpfe, in der Mitte der größte. Ich habe es geliebt.“

Die Ärztin nickt. Es ist nicht so, als hätte sie die Geschichte nicht schon dutzende Male gehört, aber es geht hier um Formalitäten, um offizielle Kästchen, die wiederholt geklickt werden müssen, es ist eine Vorlage der Ethik-Kommission e.V.

Das hier ist meine letzte Sitzung, ich muss meinen absoluten Willen zeigen, sonst bekomme ich die Genehmigung nicht.

„Die anderen Kinder mochten mich nicht“, rede ich weiter, „irgendwas habe ich an mir, was die Menschen stört. Schon immer, auch in späteren Jahren. Ich war bei keinem Kindergeburtstag, man hat mich kaum zu Fam-Celebrations© eingeladen, ich war in meinem ganzen Leben bei keiner einzigen Marriage T-10™ oder auch nur bei einer Marriage T-1™.”

Die Ärztin nickt und schaut mich mitfühlend an. Ihr Magen knurrt und ich finde die Vorstellung bizarr, dass sie sich nach dem Swipe ein Dinner™ implementieren wird. In Wahrheit fühlt sie nicht mit mir, da bin ich mir sicher, das habe ich in all den Jahren gelernt. Aber sie kann nichts dafür. Die Menschen fühlen schlussendlich immer nur für sich allein.

„Das Tamagotchi war ein Küken“, spreche ich weiter, „das Tamagotchi hat mich befreit. Es war mir von da an egal, dass niemand seine Jause mit mir teilen wollte, oder im Schulhof alleine dastand. Ich hatte ja gar keine Zeit mehr für die anderen. Ich musste mich schließlich um mein Tamagotchi kümmern. Wissen Sie“, ich lache, „ich war ja eine gute Schülerin. Aber, wenn mein Tamagotchi während einer Schularbeit Gacka gemacht hat, dann hab ich mich darum gekümmert. Ich hab mir ja sogar den Wecker gestellt um drei Uhr nachts, um zu schauen, ob es was braucht, mein Tamagotchi. Die Mutter hat sich fürchterlich aufgeregt damals, und gedroht, es mir wegzunehmen, aber das hätte sie nicht wirklich getan.“

Ich lache und jetzt lacht auch die Therapeutin mit mir, eigentlich mag ich sie ja.

„Deswegen wurde ich sofort hellhörig“, spreche ich jetzt in ernsterem Tonfall weiter, „als ich von dem System erfahren hab. Ich meine, natürlich, jeder weiß, dass man sich heute für vierzig oder fünfzig Trumps im Darknet swipen lassen kann, aber da kann erstens einiges schiefgehen und zweitens ist das nicht mein Stil. Mir ist es wichtig, die Dinge ordentlich zu machen, hintenrum wäre nichts für mich. Alles was nicht geradeaus ist, hat die Mutter immer gesagt, hat nichts mit einem Weg zu tun.“

„Das ist begrüßenswert“, antwortet die Ärztin, „sich einfach so ohne ein System swipen zu lassen, ist auch immer schwierig für die Angehörigen.“

Sofort beißt sie sich auf die Lippe. Sie hat sich verplappert, ohne ihre Visage© könnte man ihr die Scham ansehen. Wenn ich Angehörige hätte, wären sie jetzt hier. Ich verzeihe ihr den Fehltritt. Unstimmigkeiten zwischen uns könnten die Konvertierung gefährden.

„Das Tamagotchi hat mich damals gerettet“, sage ich, „und es wird mich wieder retten. Es ist jetzt drei Jahre her, als ich das erste Mal vom Tamagotchi™-System gehört habe und es ist seitdem nicht ein Tag vergangen, an dem ich mir nicht sicher gewesen wäre. Jahrzehnte voller Sinnlosigkeit. Unendliche Entscheidungen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich Entscheidungen hasse. Nichts, wofür ich mich eingesetzt habe im Leben, ist passiert: nichts.

Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, hat diese Welt nichts mit mir zu tun.

Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, hat diese Welt nichts mit mir zu tun.

Und trotzdem soll ich machen, soll ständig weitermachen, soll mich am Tag für fünf neue Updates entscheiden – ich kann nicht mehr. Für mich gibt es keine schönere Vorstellung als nur noch existieren zu müssen zum Schlafen und zum Essen. Und dass jemand anderer entscheidet, wann.“

„Okay“, sagt die Ärztin. Sie gibt ihren finalen Print und aus dem Tablet ertönt ein mechanischer Applaus. Sie legt es weg und sagt: „Gratulation.“

Mein Herz beginnt zu klopfen und Dankbarkeit durchflutet mich. Ich habe es wirklich geschafft. Endlich habe ich die Genehmigung. Aus einem Katalog durfte ich mir selbst meinen Spieler aussuchen. Ein Zwölfjähriger mit Grübchen aus Vorarlberg. Ich mochte ihn gleich.

„Bitte“, sagt die Ärztin und geht voraus.

Ich folge ihr durch die Gänge. Ich mag, dass sich das Zentrum bei der Architektur für ein klassisches Haus™ entschieden hat. Die Möglichkeit, Boden unter den Füßen zu spüren, hat nie seinen Reiz für mich verloren, ich bin halt eine vom alten Schlag.

Die Ärztin öffnet eine Tür zu einem hellen Raum, in dessen Mitte ein weißer Stuhl steht und ein dickes Rohr aus der Decke kommt.

Ich atme aus: „Das hätte ich mir anders vorgestellt.“

Die Ärztin nickt: „Das Ende stellt man sich immer anders vor.“

Ich setze mich auf den Stuhl und schlucke. Die Ärztin soll meine Aufregung nicht sehen.
„Sind Sie sich sicher?“, fragt sie ein letztes Mal.

„Ja“, sag ich und nicke entschlossen.

„Gut“, sagt sie, „die Lieferung an Ihren Spieler erfolgt noch heute.“

Sie streckt die Hand aus und aus dem Rohr kommt ein Rumpeln. Ein kleiner Gegenstand fällt heraus und sie fängt ihn auf. Sie reicht ihn mir und ich lache auf.

„Nein“, sag ich, „sowas Geschicktes.“

„Ja“, sagt die Ärztin und lächelt herzlich, „die Technik enttäuscht uns nicht.“

Ich drehe das rosarote Tamagotchi in den Händen. Es ist dasselbe. Sogar der Kratzer an der Rückseite ist da. Zwölf Tage hat es damals überlebt, bei anderen war es ein Monat.

„Nehmen Sie sich soviel Zeit, wie Sie brauchen“, sagt die Ärztin und stellt sich ein letztes Mal vor mich.

„Alles Gute.“

„Alles Gute“, sag ich und sie lässt mich allein.

Die Tür fällt ins Schloss und ich schließe die Augen, spüre das Gewicht meines Tamagotchis in der Hand. Ich denke an den Küchentisch und die Backerbsensuppe. Ich sehe die Hand der Mutter, die das gepunktete Geschenk hält. Sie küsst mich auf den Scheitel und das System hilft mir beim Erinnern. Die Mutter riecht nach Seife und ich drücke den Knopf.

Angela × Magnet

Angela Lehner

Angela Lehner wurde 1987 in Klagenfurt geboren, wuchs in Osttirol auf und lebt heute als selbständige Schriftstellerin in Berlin. Ihr Debütroman "Vater Unser" erschien 2019 bei Hanser Berlin.
Autorinnenfoto: © Ramona Waldner

Beitrag
teilen
URL in die Zwischenablage kopiert
Beitrag
teilen
URL in die Zwischenablage kopiert
Zurück zur Startseite