01.10.19 – Sandro Nicolussi

Seit jeder Browser einen Inkognito-Modus bietet, ist so ein Seitenverlauf eigentlich kein Thema mehr. Dachte ich zumindest.

Voller Enthusiasmus willst du deiner gesamten WG unbedingt dieses eine neue lustige Video zeigen. Ihr versammelt euch um den Laptop und du kicherst schon beim Öffnen des Browsers. Im Lachflash tippst du nur schnell das "Y" ein und lachst hysterisch weiter, während du ungeduldig die Enter-Taste malträtierst. Und auch deine Mitbewohner lachen lauthals los.

Denn die Seite, die du geöffnet hast, bietet zwar Videos an – aber eher die nicht-jugendfreie statt der lustigen Sorte. Wer dieses Szenario nicht kennt, hat entweder keine Freund*innen, viel Fantasie oder einfach einen sehr sicheren Umgang mit der eigenen Browser History. Das ist nicht bei allen so – was man schon alleine daran erkennt, dass das Internet voll ist mit Memes zum Thema "Delete My Browser History" (also "Löscht meinen Suchverlauf").

Mit Witzen zu unserem Suchverlauf ist es also ein bisschen wie mit Klicks auf Justin-Bieber-Musikvideos: Es gibt verdammt viele, obwohl eigentlich niemand mehr darüber spricht. Mittlerweile finden sich im Internet sogar Fußmatten und Armkettchen mit der (vermeintlich) posthumen Bitte. Und da wir bekanntlich am meisten über die Dinge lachen, die uns am peinlichsten berühren, war das für mich genug Anlass, um mir das Thema genauer anzusehen und Antworten auf die dringendsten Fragen zu suchen: Was suchen die Leute am häufigsten? Wie individuell ist unser Surfverhalten heutzutage eigentlich noch? Und ist es möglich, meine Persönlichkeit aus den besuchten Internetseiten abzulesen?

Schon nach kurzer Zeit realisierte ich, dass hinter dem Thema mehr steckt, als ich gedacht hätte. Und nach einem kurzen Anfall von düsterer Online-Paranoia war ich umso froher, mir die Gedanken darüber gemacht zu haben. Aber der Reihe nach.

Phase 0: Scheitern

Wie so oft steht auch am Anfang dieses Projekts erst mal ein Scheitern. Mein ursprünglicher Plan war, meinen Verlauf von einem Psychologen oder einer Psychologin analysieren lassen. Die Browser-History als Couch-Werkzeug, quasi. Nicht ganz ernst, nicht ganz wissenschaftlich, aber auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Immerhin sagt das, was wir tun, einiges über das aus, was wir denken – und was ist unsere Persönlichkeit schon anderes als eine Mischung aus unseren Taten und Gedanken.

Ich beschloß, meine Fragen an die Experten weiterzugeben. Allerdings endeten meine telefonischen Anfragen beim psychologischen Fachpersonal alle recht schnell und recht ähnlich: Nach zirka fünf Minuten nervösen "Ähm, ja, meinen Seitenverlauf analysieren halt"-Gestammels meinerseits wurde ich üblicherweise mit Behauptungen wie "Bin gerade im Urlaub" abgewiesen.

Die gesamte weitere Auseinandersetzung mit dem Thema hat mich zuerst traurig gemacht – und am Ende dann doch noch zu einem neuen Selbst- und Weltbild geführt. Ziemlich genau wie das in den vier Phasen der Trauerarbeit von Yorick Spiegel beschrieben wird: Auf Schock folgt Kontrolle folgt Regression und schließlich Anpassung/Akzeptanz. Der restliche Artikel ist deshalb in diese vier Phasen unterteilt; womit wir auch wieder bei der Psychologie wären. Man kommt dem Menschlichen anscheinend einfach nicht aus, wenn man sich mit der Technik beschäftigen will …

Phase 1: Schock

Statt lustiger Psycho-Analyse machte ich mich also an die Recherche – und erlebte nach meiner anfänglichen Kurskorrektur gleich einen handfesten Schock. Die erste Sache, die mir beim Durchstöbern des Internets rund um das Thema auffiel, war die Kluft zwischen Menschen, die mit Inkognito-Modus surfen, und dem ganzen Rest der Menschheit. Ich selber gehöre als internet-affiner, datenschutz-bewusster Millennial zur ersten Kategorie. Aber da gibt es bekanntlich auch die anderen. Menschen, die ebenfalls im Netz surfen, obwohl sie nicht jeder Croc-Mode-Kollaboration nachlaufen oder bei jeder neuen Social-Media-Challenge mitmachen (zuletzt: Triangle-Dance-Challenge und Bottle-Caps-Challenge). Alte Menschen. Andere Menschen. Menschen mit Hobbys. Menschen mit Familie. Menschen, die sich nicht nur für Nerd-Zeug interessieren.

Eine ganze Welt tat sich mir auf, an die ich im Alltag normalerweise nicht allzu viele Gedanken verschwende, weil sie wenig bis nichts mit meiner Lebensrealität zu tun haben. Das klingt im ersten Moment vielleicht ignorant – aber dasselbe könnte man auch über besagte Menschen sagen. Während sich die einen fragen, wie man nur so viel im Internet leben kann, fragen sich die anderen – zum Beispiel ich –, wie man nur so völlig an der Wirklichkeit des Internets vorbei leben kann. Aber zuerst einmal wollte ich ein Gefühl dafür bekommen, von wie vielen Leuten – oder wie vielen Prozent aller Internet-Nutzer*innen – wir hier überhaupt sprechen.

Passenderweise ist die genaue Zahl der Leute, die unerkannt im Netz surfen, selbst auch unbekannt. Man kann allerdings informierte Schätzungen anstellen. Zum Beispiel, indem man sich ansieht, wie viele Prozent des weltweiten Internet-Traffics von einmaligen Sessions kommen; beziehungsweise von Usern, die danach nie wieder auftauchen. Der Großteil dieser Art von Anfragen, schätzen Fachleute, kommt von Suchanfragen via Privat- oder Inkognito-Modus. Weltweit sind das insgesamt 17 % des Internet-Konsums. In Deutschland sind anonyme Umfragen am häufigsten (24 %), in Großbritannien am seltensten (14 %).

Egal, wie man es dreht: Mehr als Dreiviertel aller Suchanfragen kommen also unversteckt und quasi öffentlich bei den diversen Browser-Farmen an. Ich war sowas Ähnliches wie geschockt. Aber der Drang nach Aufklärung – nach Kontrolle – überwog.

Phase 2: Kontrolle

Das Internet ist mein Refugium, wenn es in der Wirklichkeit mal wieder zu bunt wird – oder zu wenig bunt. Und genau wie bei jedem anderen Refugium lasse ich auch mein Tor zum Internet eben nicht einfach offenstehen. Für mich völlig klar; für zirka 83 % der surfenden Weltbevölkerung anscheinend nicht.

Aber woran liegt das? Haben die Leute keine Angst? Haben sie nichts zu verbergen? Oder haben sie einfach keine Ahnung, wie man sich vor der totalen Nacktheit der eigenen Daten im Netz schützen kann?

Die Bekanntheit des Inkognito-Modus alleine konnte schon mal nicht der Grund sein. Schon im Jahr 2017 wussten immerhin 61 % aller Internet-Nutzer*innen laut eigener Einschätzung, was "privates Surfen" im "Inkognito-Modus" bedeutet. Darüber hinaus gibt es so gut wie keine Daten zu den Gründen, nicht privat zu surfen. Das liegt wohl auch in der Natur der Sache: Leute zu fragen, warum sie etwas nicht tun, ist definitionsgemäß wenig ergiebig.

Dabei gibt es durchaus sehr vernünftige (auch pornokonsumunabhängige) Gründe, inkognito zu surfen: Jede Art von Shopping beispielsweise, vom Haushaltsprodukt bis zum Transatlantikflug. Auch Recherchen, Geschenke oder öffentlich zugängliche Computer wären da zu nennen. Wenn die Leute bloß wüssten… Angetrieben von meiner Auseinandersetzung mit dem Thema – und auch, weil ich mich zu fragen begann, ob nicht vielleicht ich der Komische oder paranoid paranoid –, wollte ich es aber zumindest in Bezug auf mich selbst noch genauer wissen. Wie viel kann man trotz Inkognito-Modus herausfinden?

Auf takeout.google.com kann man – das ist seit der DSGVO Pflicht – alle Daten herunterladen, die Google über den Chrome-Browser über einen sammelt. Leichtes Spiel, dachte ich. Das Problem: Die heruntergeladenen Daten könnten kryptischer gar nicht sein. Ich konnte zwar alles herunterladen, aber nichts damit anfangen und kam mir zunehmend verarscht – oder verrückt? – vor.

Immerhin konnte ich herauslesen, dass Facebook, Instagram (ja, manche Leute nutzen das auch am Laptop, no shame) und Soundcloud die Seiten waren, die ich im letzten Jahr am häufigsten besucht hatte. Hätte mich Wiens Psycho-Riege nicht am Telefon schon vernichtend abgewiesen, hätten sie mir wohl spätestens jetzt erklärt, dass ich bemitleidenswert langweilig und der totale Durchschnitt war.

Aber so einfach wollte ich das Ding nicht aufgeben. Irgendwie musste ich ja etwas über die Bedeutung meiner Internetnutzung herausfinden können. Nach einer erneuten Google-Suche stieß ich auf den Blog von Martin Haunschmid. Der 28-jährige Tech-Spezialist ist Unternehmer im Bereich der IT-Sicherheit und auf seiner Website kommt das Wort "Memes" vor. Er schien mir also wie der perfekte Ansprechpartner für mein Vorhaben.

Er lachte, als ich ihm von meiner Bedeutungssuche erzählte, aber willigte ein, mir ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. Für unser Telefonat setzte er sich "in seinen gemütlichen Sessel". Retrospektiv betrachtet hätte ich das auch machen sollen, denn seine Ausführungen führte mir vor Augen, wie sehr ich im Dunklen tappte.

Inkognito © Sandro Nicolussi

Phase 3: Regression

Als ich Martin Haunschmid ein bisschen stolz davon erzählte, dass ich keinen interessanten Fingerabdruck im Netz hinterlassen würde, weil ich schließlich meine Browser-History verbergen würde, unterbrach er mich sofort.

"Das ist alles Augenauswischerei", sagte Haunschmid zum Inkognito-Modus. Den Seitenverlauf, den wir dadurch noch vorgesetzt bekommen, sei nur zur Beruhigung da. Langsam erahne ich, dass ich durch die vermeintlich unaufgezeichneten Sessions nichts anderes gemacht habe, als meine Awareness über die ständige Datensammlerei von Tech-Konzernen abzugeben.

Die Seiten, die ich besuche, wissen nämlich weiterhin sehr genau, dass ich da war – Inkognito-Modus hin oder her. Deshalb verwende er keine Android-Phones mehr, erklärt Haunschmid. Außerdem stieg er von Chrome auf den Browser Firefox um und nutzt seither auch ab und zu die Suchmaschine DuckDuckGo, die zwar manchmal außergewöhnlich schlechte Ergebnisse liefere, aber immerhin nicht alles tracken und speichern würde.

Aber es geht noch weiter: Konzerne wie Facebook installieren auf Drittseiten unauffällige Features wie den Like-Button, mit dem man auf der Seite seine Zuneigung ausdrücken kann. Was man nicht merkt: Dieser Like-Button fragt auch die Cookies ab und weiß damit sehr genau, wer sich da gerade auf welcher Plattform welches Video ansieht. Das heißt, du siehst deinen Browserverlauf zwar nicht mehr, Facebook hat ihn aber ziemlich detailliert abrufbar. Aus diesem lässt sich dann ein Profil erstellen, dass auf Einkommen, Hobbys und Arbeitsweg schließen lässt.

Nach dem Telefonat fühlte ich mich verloren. Auch das restliche Internet wollte mich leider nicht mit gegenteiligen Behauptungen beruhigen. War der Inkognito-Modus am Ende nur zur Selbstberuhigung da? Die Vorstellung, dass irgendjemand da draußen mehr über mich wissen könnte als ich selbst, führte mich an einen dunklen Ort. In der Trauerarbeit nennt man das die Phase der Regression: "In dieser Phase ist der Trauernde ganz auf sich zurückgeworfen", heißt es auf Wikipedia dazu. Genauso fühlte ich mich. Auf mich zurückgeworfen. Den Netflix-Film The Great Hack rund um die Cambrigde Analytica-Affäre zur US-Präsidentschaftswahl 2016 anzuschauen, tat das Übrige – ich fühlte mich überwacht.

Phase 4: Anpassung und Akzeptanz

"Das kann doch keine Option sein", dachte ich mir, als ich ein paar Tage nach der Recherche noch immer gedankenverloren und leicht gestresst aufwachte. Dann musste ich an mein Telefonat mit dem IT-Experten Martin Haunschmid zurückdenken. An einer Stelle im Gespräch fragte ich Haunschmid, ob er denn durch sein Wissen über die Mechaniken des Internets nicht manchmal auch paranoid werde. Er bejahte – aber nicht mehr im Internet unterwegs zu sein, sei für ihn keine Alternative. "Dieses Digitalisierungsthema könnte uns auf den Kopf fallen", meinte er. Je länger wir das Thema vor uns her schieben würden, umso schlimmer, so Haunschmid weiter: "Diese Diskussion müssen wir jetzt führen."

Auch das hat die Datenschutz-Paranoia mit der Trauerarbeit gemeinsam. Um glücklich zu werden und ein gesundes Leben zu führen, müssen wir Menschen lernen, uns an geänderte Umstände anzupassen. Auch – und besonders – an solche, die wir als schlecht empfinden.

Martin Haunschmid
Martin Haunschmid, IT-Experte und Tech-Blogger

Dieses Digitalisierungsthema könnte uns auf den Kopf fallen

Das alles jedoch schwarzmalerisch als Weltuntergangsszenario abzutun, sei allerdings zu einfach und vor allem stark verkürzt. Da ist sich auch Sicherheitsexperte Haunschmid sicher. Immerhin gebe es im Hintergrund einen ganzen Haufen an Leuten, die dafür kämpfen, dass das Internet ein Raum bleibt, in dem Tech-Giganten sich nicht aufführen können, wie sie wollen; Max Schrems und Co. sei Dank.

Im Wikipedia-Artikel zu den vier Trauer-Phasen heißt es zum Thema Anpassung: "Normalerweise ist diese Phase etwa nach einem Jahr abgeschlossen." Eins steht fest: So lange hat es bei mir zumindest schon mal nicht gedauert, um mich darauf einzustellen, dass mich die Beschäftigung mit dem eigenen Online-Verhalten wohl ein Leben lang begleiten wird. Für den Rest ist es vielleicht der Anfang einer Auseinandersetzung. Und wenn es nur ist, um sich beim nächsten YouTube-Abend vor dem Freundeskreis nicht mit Google-Vorschlägen aus dem Suchverlauf zu blamieren.

Sandro × Magnet

Sandro Nicolussi

Sandro Nicolussi ist Mitte 20 und begeistert sich für (elektronische) Musik, semi-rücksichtsvolles Radfahren und Gedichte. Seine Artikel sind bisher unter anderem im Falter, Wiener, Biber und bei VICE erschienen.

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