07.07.20 – Margit Mössmer

Nichts altert schneller als die Zukunft. Wer nicht stehen bleiben will, muss deshalb auch an ungewöhnlichen Orten nach neuen Antworten suchen. Zum Beispiel in der Science-Fiction. Aus diesem Grund laden wir unter "Refresh the Future" junge österreichische Autor*innen ein, ihre Zukunftsvisionen mit uns zu teilen. Der folgende Text ist Teil dieser Reihe.

Gerda gehörte nicht zu den Menschen, die für ein Ticket zum Mond Schlange standen. Während die Welt auf den Beinen war, um Lotterielose zu kaufen oder sich in Fernsehshows zum Affen zu machen, um aus fragwürdigen Wettbewerben als Weltallpassagiere hervorzugehen, konnte Gerda an der Vorstellung ins All zu reisen nichts Reizvolles finden. Aber da ihr Vater, der rätselhafte Stanley Kubrick, im unfassbaren Jahr 1968 einen Film gedreht hatte, der in einer damals fernen Zukunft spielte, die heute lange zurück liegt, hatte ihr die Kubrick Foundation zwei Golden Tickets per Post geschickt.

Sie saß am Küchentisch und las den Brief, der den Tickets beilag. Kubrick, stand da geschrieben, hätte es in seinem Meisterwerk 2001: A Space Odyssey wie kein anderer Filmemacher verstanden, unser Menschsein in visionäre Bilder und Ideen zu übertragen. Niemand außer Gerda hätte daher mehr Recht darauf, die Eingangsszene des Films in Real Life zu erleben.

Das Ticket ermögliche ihr die Fahrt mit einer Begleitung ihrer Wahl im AeroNicki FO, das darauf programmiert sei, sich nach einiger Flugzeit so im All zu positionieren, dass die Fluggäste das aus dem Film bekannte Geschehen im exakt selben Bildausschnitt erleben würden, den sie aus den ersten Sekunden der Space Odyssey kannten.

Das Ticket ermögliche ihr die Fahrt mit einer Begleitung ihrer Wahl im AeroNicki FO, das darauf programmiert sei, sich nach einiger Flugzeit so im All zu positionieren, dass die Fluggäste das aus dem Film bekannte Geschehen im exakt selben Bildausschnitt erleben würden, den sie aus den ersten Sekunden der Space Odyssey kannten. Die Sonne würde in diesem Moment also hinter der Erdkugel erscheinen, zuerst würde man das Leuchten der phänomenalen Corona sehen, schließlich den gesamten Stern – sie kenne die Szene ja. Wahlweise könnte sie das Erlebnis mit oder ohne Soundtrack haben. Man bitte einzig darum, den Moment in Form eines Selfies zu dokumentieren und dieses der Kubrick Foundation auf unbegrenzte Zeit für Werbezwecke zu überlassen. Der Zeitaufwand sei im Übrigen – relativ. In Kooperation mit Space Adventures 3000. Gute Reise.

Gerda strich über die glatte, glänzende Oberfläche der Tickets, in deren rechter oberer Ecke das Konterfei ihres Vaters eingestanzt war. Das war sie also, die Möglichkeit, Abbild mit Realität zu vergleichen, eine filmische Vision aus der Vergangenheit im Hier und Jetzt echt werden zu lassen, und ihrem Stanley im All zu begegnen.

„Kommst du mit?“ Sie blickte zu Solita hinüber, die so verdammt malerisch auf einer Decke neben dem stummen Fernseher schlief. Die Katze hörte die Frage und erwachte, erwiderte Gerdas Blick, kniff die Augen zusammen, streckte ihre Vorderpfoten und schlief wieder ein.

Refresh the Future

Die AeroNicki war gemütlich eingerichtet, mit ihren gepolsterten Sitzmöbeln, der Küche, dem Entertainmentbereich und der Minibar. Sie hatte Gerda und Solita, wie angekündigt, irgendwo im Weltall exakt positioniert und so blickten sie gemeinsam durch ein gewölbtes Glasfenster nach draußen, wo Sonne, Mond und Erde tatsächlich in einer Linie standen. Genau so hatte Gerda sich das alles vorgestellt.

„Weil der Film die Entmenschlichung zum Thema hat, sehen wir in der Eröffnungsszene von 2001: A Space Odyssey in einer Minute und 37 Sekunden die Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart der ganzen Zivilisation. Zumal eine gute Eingangssequenz in kürzester Zeit alles transportiert, worum es gehen wird, zählt dieser Filmanfang zu den besten aller Zeiten“, erklärte Solita, die die Reise auf Gerdas Schoß sitzend verbracht hatte und jetzt, da sie stillstanden, in Kausalsätzen sprach.

Kausalität ist die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Sie betrifft die Abfolge von Ereignissen und Zuständen, die aufeinander bezogen sind. Die Katze fing im All zu sprechen an, dort wo Ursache und Wirkung ineinander verschwimmen. Als demnach Gerdas Katze zu sprechen begann, lag das diesem Umstand vorangegangene Ereignis oder die Kette an Ereignissen, in einem Vergangenheits- oder einem Zukunftslichtkegel.

Die Katze saß immer noch / schon wieder / erstmals auf Gerdas Schoß und fauchte, weil die aufkommenden Sonnenstrahlen in ihren lichtempfindlichen, mondgroßen Augen blendete. Gerda streichelte sie. Wie kuschelig sie sich anfühlte. Die Zeichnung ihres Fells war eine Galaxie für sich, Keksbrösel hingen darin wie kleine Planeten und Gerda verlor sich in diesem magischen Anblick.

Die Katze fing im All zu sprechen an, dort wo Ursache und Wirkung ineinander verschwimmen.

„Weswegen du dich nicht ablenken lassen sollst, da draußen spielt die Musik“, sagte Solita und deutete in die Ferne, wo die Sonne bereits hinter dem blau leuchtenden Erdball hervorrutschte und langsam ihren Platz im Bild einnahm.

„Willst du’s mit Musik sehen?“ Gerda blickte sich in der AeroNicki um. „Muss ich dafür einen Knopf drücken oder kann Nicki das von alleine?“

„Weil ich die Musik bei diesem Anblick sowieso im Ohr hab, brauch ich keine.“

„Wir sind Außerirdische, Solita, die gerade auf dieses Spektakel, auf diese Menschheit blicken. Und ich muss sagen, ich bin nicht sonderlich bewegt.“

„Weil du es schon im Kino gesehen hast, vor vielen Jahren.“ Gerda stimmte Solita zu und um ihre Zustimmung zu zeigen, nickte sie. Sie nickte etwa ein halbes Jahrtausend lang.

„Kekse?“, fragte Gerda. Und jetzt nickte die Katze, aber nur für die Dauer eines Schmetterling-Flügelschlags. Beide aßen sie, und Gerda dachte an Wallace and Gromit, an die Mondfahrt-Geschichte.

„Weswegen der Film auch so einzigartig ist.“ Solita strich sich die Barthaare, die während der Reise in Unordnung geraten waren, wieder in die Waagrechte.

„Du meinst A Grand Day Out? Der Film, in dem wir erfahren, dass der Mond aus Käse ist?“ Gerda bröselte die Sitzbank voll. „Ja, ich habe viel gelacht.“

„Weil das Jahr 2001 in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts so unfassbar weit entfernt lag.“

„Ach so, du bist noch bei der Space Odyssey.“ Gerda schob einen Finger in den Mund und kletzelte einen speichelnassen Keksbrocken aus ihrem rechten oberen Backenzahn. „Jede Zukunft ist unfassbar.

Egal wie weit sie weg ist.“ Was sie gerade sagte / gleich sagen würde, kam ihr jetzt / vor fünfzig Minuten / in einem Jahr, so klug vor, dass sie weitersprach. „Ich glaube nicht, dass der Film so bewundert wurde, weil er das Jahr 2001 entworfen hat, Jahrzehnte bevor es soweit war. Das Besondere liegt doch eher an Papas noch nie dagewesenem Vorführen von Zeit. Und das hätte er ja immer und zu jedem Zeitpunkt machen können.“

Solita kämmte zum ersten / wiederholten Mal ihr Barthaar durch – mit einer Arroganz in den Augen, die sich mit den kleinen, gespiegelten Sonnenflammenzungen in ihrer Pupille vermischte.

„Weshalb du dann wohl der Mensch bist, und ich das Tier.“

„Sei nicht eingeschnappt, schau dir mal lieber die Oberfläche der Sonne an. Sieht sie nicht aus wie geschmolzener Käse? Da kommt mir gerade, wir müssen noch ein Foto machen.“

„Fotoapplikation aktiv.“

„Wer hat das gesagt?“

„Weil du gefragt hast, das war Nicki.“

„Ist ja reizend.“ Gerda drückte die Katze an sich. „Dort oben, dort leuchtet ein roter Punkt. Mach Cheeeese, Solita.“ Das Foto wurde perfekt.

„Perfektes Foto“, bestätigte Nicki, die die Datei speicherte und Gerda und Solita wieder zur Erde zurückbrachte. Sie landeten direkt vor der Haustür, in Gerdas Garten.

Es war spät am Abend, die Straße und auch die Nachbarhäuser nur wenig beleuchtet, als Gerda ausstieg, sich streckte, ihre Schuhe auszog und ordentlich Luft holte. Sie fühlte das Gras unter ihren Zehen, legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben, wo der Wind die schwarzen Blätter der 80 Jahre alten Birke in Bewegung brachte.

„Wenn ich schon gestern das Abbild von morgen gesehen habe, brauche ich das reale Bild morgen dann überhaupt noch?“

„Was meinst du mit brauchen?“, fragte Solita, die auf einem Seitenflügel der Nicki saß und ihren Rücken putzte.

„Du sprichst ja gar nicht mehr kausal.“

„Oder mit morgen?“

„Du sprichst ja immer noch.“

„Hast du morgen frei?“

„Du sprichst ja in Fragen.“

„Was machen wir morgen?“

„Morgen“, sagte Gerda, hauchte Nicki liebevoll auf die Schnauze, versteckte ihre Hand im Ärmel des Pullovers und wischte damit über den Lack. „Let’s do this one more time?“

Anmerkung der Autorin: Dieser Text wäre, wenn er nicht erst im Mai 2020 geschrieben worden wäre, ein Auszug aus dem Episodenroman „Die Sprachlosigkeit der Fische“ aus dem Jahr 2015, in dem Gerdas Biografie erzählt wird.

Margit × Magnet

Margit Mössmer

Margit Mössmer lebt in Wien. Nach ihrem Debüt »Die Sprachlosigkeit der Fische« (2015), erschien der Roman »Palmherzen« (2019). Im Sommer 2020 ist sie Stipendiatin im Prager Literaturhaus.

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