13.05.20 – Magnet Staff

Zukünfte neu denken: Die neue Reihe auf MAGNET.

Im Jahr 1910 erschien in Deutschland der Sammelband Die Welt in 100 Jahren mit dem Ziel, eine möglichst wissenschaftliche Prognose für das Jahr 2010 abzugeben – und zwar mit beachtlichem Erfolg. Das Buch prophezeite nicht nur unser „Taschentelefon“, sondern auch eine weltweite „elektronische Korrespondenzmaschine“ (die stark an heutige E-Mails erinnert) und sogar das „Einkaufen per Knopfdruck“. Und das sind nur die Beispiele aus einem einzigen Kapitel.

Aber viel spannender als die mehr oder weniger zufälligen Treffer (neben denen es in Die Welt in 100 Jahren auch mindestens so viele Fehlgriffe gab) ist aus heutiger Sicht ein anderer Aspekt: Wie eine Illustration aus dem Buch zeigt, konnte man sich 1910 problemlos vorstellen, dass es hundert Jahre später Videotelefonie am Smartphone geben würde – aber nicht, dass die Menschen bei ihren Zoom-Calls in der Zukunft keine Hüte mehr tragen.

Die Welt entwickelt sich eben immer anders als man denkt. Und das ist gut so.

Im Vergleich zur Science-Fiction jener Zeit – die damals noch nicht so hieß, aber mit H. G. Wells einige der ikonischsten Geschichten des Genres vorlegte – war das Projekt durch seinen populärwissenschaftlichen Zugang nicht nur manchmal korrekter; es war auch limitierter in seiner Vorstellungskraft. Vielleicht, weil Wissenschaft eher Bestehendes weiterdenkt als Neues zu erfinden; oder weil Wissenschaftler*innen sich nicht sonderlich viel mit Mode beschäftigen.

Aus heutiger Sicht, wo 2010 Teil der Vergangenheit ist, sind die Abweichungen von unserer Wirklichkeit nur zu leicht zu belächeln. Aber dasselbe Prinzip begegnet uns im Lauf der Zeit immer wieder. Statt von fliegenden Autos reden wir heute von selbstfahrenden. Statt Roboter-Polizei auf den Straßen gibt es intelligente Mülltonnen. Statt hochhausgroßen Supercomputern mit Lochkarten haben wir das Internet. Und statt Zombie-Apokalypse und Alien-Invasion gab es Covid-19 und Lockdown.

Nichts altert schneller als die Zukunft von gestern.

Falls du gerne schreibst und deinen Text bei uns veröffentlicht sehen möchtest, schick uns einfach deine Interpretation von „Refresh the Future“ – egal, ob Sci-Fi-Gedicht, fantastische Kurzgeschichte oder visionärer Wordrap – an: staff@magenta.at

Heute verbinden wir futuristische Visionen von UFO-förmigen Tankstellen, überdimensionalen Antennen und glänzenden Silbertränen-Autos nicht mehr mit der „Welt von morgen“, sondern mit dem Amerika der 1930er-Jahre. Die Welt entwickelt sich eben immer anders als man denkt. Und das ist gut so.

Gleichzeitig ist es gerade für Zukunftsunternehmen so wichtig wie noch nie, dabei nicht auf der Strecke und gedanklich beweglich zu bleiben. Manche Brands gehen deshalb ungewöhnliche Wege. Statt auf Zukunftsforschung setzen etwa Unternehmen wie Nike oder Boeing auf die Kraft der Science-Fiction – und lassen sich mögliche Versionen von morgen lieber von Schriftsteller*innen entwerfen als lediglich von der Wissenschaft. Dieselbe Art von unkonventionellem Denken beflügelt zunehmend auch die Technologie- und Telekommunikationsbranche.

Der Gedanke dahinter ist nicht ganz neu: Schon vor Jahrzehnten sagte der New York Times-Bestseller-Autor William Gibson, wer eine Epoche verstehen wolle, sollte vor allem ihre Science-Fiction lesen. Einzelne Werke mögen zwar nicht immer Recht haben – aber die Wahrheit liegt irgendwo zwischen unseren kreativsten Zukunftsvisionen. (William Gibson selbst gilt übrigens als Erfinder des „Cyberspace“, der zum ersten Mal 1984 in seinem Roman Neuromancer auftauchte – einem Buch, das Gibson passenderweise auf einer alten analogen Schreibmaschine verfasst hat.)

Damit auch wir nicht stehen bleiben und zumindest gedanklich auf alle möglichen Welten vorbereitet sind, wollen wir bei MAGNET unter dem Motto „Refresh the Future“ ungewöhnlichen und abwegigen Zukunftsvisionen eine Bühne bieten.

Den Anfang macht unser Video zum Thema. Im nächsten Schritt widmen wir uns künstlerischen Interpretationen von „Refresh the Future“ aus der Feder junger österreichischer Schreiber*innen.

Mehr folgt in Kürze hier auf MAGNET.

Magnet Staff × Magnet

MAGNET, das ist die Magenta-Redaktion für alle Aspekte des digitalen Lebens in und um Österreich. Wir glauben an die Kraft der Gegensätze und beleuchten Österreich durch die Zukunftsbrille.

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