12.12.19 – Agnes Hunyadi

Schaffen Digitalisierung und Informationsaustausch im Netz endlich mehr Klarheit oder helfen sie, falsche Fakten zu verbreiten?

Dieser Artikel ist Teil unseres großen SCIENCE F**KTION Schwerpunkts, in dem wir verschiedene Aspekte von Sex im digitalen Zeitalter untersuchen. Ausgangspunkt für diesen und alle weiteren Artikel ist die MAGNET-Studie zu Sex und Digitalisierung 2019, die mit allen Ergebnissen hier abrufbar ist.

Es gibt kein anderes Thema, über das so viel gelogen wird wie über Sex. Nicht wie beispielsweise bei unserem Gehalt, das wir um ein paar hundert Euro aufrunden, um bei der Familienfeier ein bisschen besser dazustehen. Denn wenn es um Sex geht, ist es nicht nur schwierig ehrlich gegenüber anderen, sondern auch gegenüber einem selbst zu sein. Dabei ist nicht nur Sexualität insgesamt noch immer ein Tabuthema für viele, sondern insbesondere auch sexuelle Vorlieben, Kinks, Fetische und der eigene Orgasmus.

F***-FACT: Österreicher*innen glauben, dass Frauen schwerer kommen als Männer.

73% der befragten Männer, sowie 74% der Frauen sind der Meinung, dass Frauen schwerer einen Orgasmus bekommen als Männer. Generell ist aber fast allen Österreicher*innen (9 von 10) wichtig, dass beim Sex alle Beteiligten auf ihre Kosten kommen.

Reden wir über die Revolution

Die digitale Revolution hat nicht nur unser Leben grundlegend verändert und die Art der menschlichen Kommunikation neu geformt, sie hat auch großen Einfluss auf unser Sexualleben. Denn mit dem Internet wurde nicht nur der Zugriff auf pornografische Inhalte leichter, sondern auch Vergleichswerte geschaffen, mit denen Durchschnittskörper damals wie heute oft schwer mithalten können. Das gilt nicht nur für das – früher noch stärker als heute – homogene Körperbild, das beispielsweise in Pornos vermittelt wird.

Es gilt natürlich auch für die sexuellen Handlungen, die dargestellt werden und oft frauenfeindlich oder schlichtweg extrem und damit weit entfernt vom sexuellen Alltag sind. Höher, schneller, weiter ist die Devise. Für die meisten ist das Tempo viel zu hoch. Der Optimierungswahn hat auch unsere Schlafzimmer erreicht. Plötzlich besitzen wir Schubladen voll mit Sextoys, tindern uns durch den Alltag, um bloß kein sexuelles Abenteuer auszulassen, und recherchieren nach Billiganbietern von Labienverkleinerung.

Emanzipation beginnt im Bett

Christiane (27) kommt seit einigen Monaten zu mir in die Praxis. Sie steht sexuell an einem Wendepunkt und möchte die Veränderungen nicht alleine meistern müssen. Sexualität wird oftmals als etwas Selbstverständliches erachtet – wie Atmen oder Gehen. Dabei ist sie ein essentieller Teil unseres Wesens, unserer Persönlichkeit und unserer Identität. Für Christiane war sie auch selbstverständlich, aber nicht erforscht und damit auch nicht erfüllend.

Ihre Kindheit verbrachte sie in einer prüden und stark gläubigen Familie. Nähe und Wärme gab es nur am Kamin, auf dem die Urne von Oma Waltraud stand. Zu ihr fühlte sie sich mehr verbunden als zu den Eltern. In ihrer Jugend begann sie, sich auszuleben; mit Drogen, Alkohol und zügellosem Sex. Gesunde Beziehungen, Nähe oder Intimität zulassen hatte sie nie gelernt. Sie mied in den ersten Einheiten sogar jeglichen Augenkontakt. Aber ihrem sexuellen Gegenüber alles recht zu machen und sich dabei komplett zu vergessen, hatte sie mit den Jahren gemeistert. Sich widerwillig beim Sex filmen lassen, in billigen Lack-Overknee-Stiefeln, die blutige Schürfwunden hinterließen, nahm sie in Kauf. Und noch vieles mehr. Sie gehörte zu den 65% der Frauen*, die keine Orgasmen beim Sex mit einem Mann* bekommen und sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. „Soll halt nicht sein“, sagte sie oft.

Der Wendepunkt kam für Christiane erst, als sie zum ersten Mal eine sexpositive Veranstaltung besuchte. Dort fand sie wieder zum Spaß an ihrer Sexualität zurück. Heute erlebt sie die ewig vermisste Intimität und Nähe mit Frauen* – und sie hat auch wieder Orgasmen. In Wien sind es vor allem Organisationen wie die Schwelle, die in Sachen Sex-Positivity seit Jahren Pionierarbeit leisten und 2020 unter dem Namen Sexolution auch die erste sexpositive Konferenz veranstalten werden.

Dass Frauen* länger brauchen oder schwerer zum Orgasmus kommen würden als ihr männliches Gegenüber, kann man 2019 getrost als “Fake News” bezeichnen.

In einer repräsentativen Studie mit Bi-, Homo- und Heterosexuellen in den USA wurde festgestellt, dass Frauen* beim Sex sehr wohl gleich viele Orgasmen haben und dafür auch gleich lang wie Männer*. Allerdings nur bei gleichgeschlechtlichem Sex. Außerdem gaben jene Studienteilnehmer*innen an, die mehr Orgasmen hatten, mit ihren Sexualpartner*innen offen über ihre Vorlieben und Wünsche zu sprechen und lobten auch. Beim Reden kommen eben nicht nur die Leut’ zusammen, sie kommen auch in andere Sphären.

Wie du masturbierst, sagt mehr über dich aus als der Inhalt deiner Handtasche

Einfühlungsvermögen, Ehrlichkeit und Akzeptanz auf Augenhöhe – mit allen Vorzügen und Makeln – sind noch immer die erogensten Zonen. Nur was kommunizieren, wenn du nicht weißt, was dir eigentlich ehrlich Lust bereitet? Ein erster Schritt ist, einen lockeren Umgang mit dem Thema Sexualität zu finden. An jeder zweiten Häuserwand sehen wir Abbildungen von Penissen, aber gleichzeitig auch Schimpfwörter wie „Fotze“ oder „Hure“. Frauen* selber benennen „es“ bis heute indirekt, verniedlichend oder kryptisch als „unten rum“ und somit nicht beim Namen. Die Gesellschaft reduziert es auf Vagina – also ein Loch. Dabei haben wir eine bunte Spielwiese zwischen den Beinen, die viel Spaß bereiten kann.

Die Klitoris ist das einzige Organ weit und breit, das für die Lustgewinnung zuständig ist. Und nein, das ist nicht diese kleine Perle, die fest gerubbelt werden muss wie Aladins Lampe. Die meisten Erwachsenen kennen noch immer nicht die ganze faszinierende Form des Lustorgans Klitoris. Wie auch, wenn die tatsächliche Form erst 1998 erforscht und kartografiert wurde. Es gibt auch noch genug „falsche“ Abbildungen und Illustration in Büchern wie auch im Netz. Mindestens genauso viele glauben, dass es klitorale und vaginale Orgasmen gäbe. Diese Unterteilung ist menschengemacht und von Männern* wie Sigmund Freud bis in die heutige Zeit zementiert worden.

Einfühlungsvermögen, Ehrlichkeit und Akzeptanz auf Augenhöhe – mit allen Vorzügen und Makeln – sind noch immer die erogensten Zonen.

Die Unterteilung in klitorale und vaginale Orgasmen ist menschengemacht und von Männern wie Sigmund Freud bis in die heutige Zeit zementiert worden.

Er begann mit dem Unsinn, dass ein richtiger Orgasmus nur durch Penetration zu erreichen wäre. Nur gut, dass eine Mehrheit durch Penetration alleine nicht zum Höhepunkt kommt und sich so erste Unsicherheiten über diese Definition breit machten. Das klitorale Gewebe ist ohne Unterbrechung mit der Vagina verbunden und kann daher nicht als getrennt gesehen werden. Die insgesamt 5000 Nervenenden ermöglichen dir mindestens genauso viele Möglichkeiten zu kommen.

Es waren auch Männer* wie Freud, die die Diagnose für Hysterie erfunden und Frauen* auf dieser Basis weggesperrt haben. Daraus entwickelt sich der erste Vibrator, ohne zu wissen, dass es nicht die Therapie von Freud, sondern seine Geräte und die davon ausgelösten „Ohs“ und die „Wows“ waren, die Linderung und „Heilung“ verursachten. Viele Wissenschaftler*innen haben bis in die heutige Zeit klerikale und frauenverachtenden Konstrukte übernommen und uns somit mit Falschinformationen zu Hysterie, Orgasmen und vielem mehr beliefert.

Ihr könnt euch vielleicht nicht persönlich daran erinnern, aber es gab eine Zeit, in der zum Beispiel Masturbation als so ziemlich das Schlimmste galt, was du nur machen konntest; eine Sünde, die dich blind, taub und dumm macht, und noch dazu Epilepsie oder Tuberkulose auslöst. Demokratisierung der Information sei Dank, können wir dieses dunkle Kapitel der Wissenschaftsfälschung heute aber weitestgehend hinter uns lassen.

Inzwischen empfiehlt sogar eine deutsche Krankenkasse bei Schlafstörungen, selbst Hand anzulegen. Orgasmen sind eben nicht nur gratis, sondern auch gesund. Der freigesetzte Hormon-Cocktail boostet nicht nur unser Immunsystem und scheidet Toxine aus, sondern ist auch ein tolles Beruhigungsmittel und Antidepressivum. Vielleicht auch deshalb (Stichwort Self-Care) masturbieren Frauen* in Beziehungen sogar öfter, was aber unter Anbetracht des „Orgasmus Gap“ nicht verwunderlich ist. Neben der aktuellen Magnet-Studie Science F**ktion berichtet auch der Tenga-Lustreport, dass wir nach wie vor nicht gerne über Masturbation sprechen: Vier von zehn Befragten haben noch nie mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin darüber gesprochen. In einer aktuellen Studie geben sie auch an, dass das Motiv in erster Linie nicht Lustgewinnung ist, sondern um sich zu entspannen und runter zu kommen.

Vom Werkzeuge-Kaufen und Lieblingsspeisen-Googlen

Sexualität hat was mit Ehrlichkeit zu tun – aber vordergründig zu sich selber. Dazu müssen wir erstmal wissen, welche Schrauben bei uns gedreht werden müssen damit das Feuer brennt. Wir müssen uns selber kennen (lernen) und verstehen, wer wir als Menschen sind, welche Vorlieben und Gelüste wir haben und uns die Frage stellen: Bekomme ich wirklich das, was ich möchte?

Ein Kind verändert das Leben bis auf die Grundmauern und nichts ist wie vorher. Als Martin und Maria (35) ihr erstes Kind bekamen, war das Bett nur mehr zum Schlafen da. Um ihre Vulva und ihre Vagina so zu erhalten wie sie sind, hat sich Maria für einen Kaiserschnitt entschieden. Aber auch nach der empfohlenen Ruhepause und der prognostizierten Startschwierigkeiten, kamen sie nicht wieder auf Gleich. In der gefühlten Sackgasse haben sie Amorelie und Eis.de regelrecht leer gekauft und trotzdem wollte es nicht klappen. Beide vermissten den Sex aus den Anfangstagen, wo sie sich aus Verliebtheit und Geilheit fast aufgefressen hatten. Aber du kannst dir kein erfülltes Sexleben kaufen.

Ich lernte Maria bei einem meiner sexualpädagogischen Seminare kennen, als sie am Ende des Workshops auf mich zukam. Sie fiel mir vom ersten Moment auf, als sie mit Zettel und Stift bewaffnet in erster Reihe saß und mir erwartungsvoll an den Lippen hing, als würde ich den heiligen Gral oder das Parade-Rezept zum Nachkochen, präsentieren. Maria wollte ganz akribisch wissen, wo denn die Knöpfe sind – vor allem beim Gegenüber –, um eine super Performance abliefern zu können. Immer mit etwas Angst zwischen den Zeilen, schließlich wolle sie eine super Liebhaberin sein. Sie hätte sich schon auf YouTube alle Videos und Tutorials zum „perfekten Blow Job“ angeschaut, hat im Internet recherchiert und sich im Social Media durchgefragt und ist trotzdem noch immer ratlos, was ihrem Partner gefällt.

Maria hat schubladenweise Dessous und Reizwäsche um ihm zu gefallen. Sie meinte, sie hätte alles probiert. Nur auf meine Frage, ob sie ihn jemals konkret gefragt hat, was denn bei ihm selber so richtig zündet, musste sie verneinen. Aber genau hier liegt das Problem. Wir können eben auch nicht die Lieblingsspeise unseres Gegenübers googlen.

Self-Love gibt’s nicht im Sale

Den Leistungsdruck zwischen den Beinen erkannten findige Marketing-Menschen und plötzlich würde eine bomben Industrie aus dem Boden gestampft. Dass Frauen* gern einkaufen und großteils immer noch für die Einkäufe im Haushalt verantwortlich sind, wissen wir lange. Wie einfach es ist, mit Ängsten und Unsicherheiten Geld zu machen, auch.

Im Online-Coaching fällt mir seit Jahren auf, dass es Unsicherheiten gibt, wohin das Auge blickt. Unabhängig vom Alter, soziokulturellem Background oder Bildungsgrad. Egal, Ängste kennen keine Landesgrenzen und immer wieder die eine Frage: „Bin ich normal?“ Plötzlich gibt es beduftetes Make-up for die Vulva, Bleaching-Cremes, parfümierte Waschlotionen, kühlendes Sexgel für den Extra-Kick und Tonnen an Sexspielzeugen für Frauen*.

Das beste Mittel gegen solche Unsicherheiten sind aber nicht die verheißungsvollen Produkte – sondern vor allem Informationen, die im Internet bekanntermaßen an jeder Ecke zu finden sind. Manchmal kostenpflichtig wie bei der Website „OMGYes“ oder komplett kostenlos von einzelnen Blogger*innen oder Influencer*innen mühevoll bereitgestellt.

Anonym

Noch nie hat sich ein Mann* bei mir entschuldigt, dass seine Rosette nicht gewaxt ist. Und ich kann mich beim Sex nicht entspannen, wenn ich vergessen habe das eine Haar am Kinn wegzuzupfen.

Dich selber so zu akzeptieren, wie du bist, ist mittlerweile ein Kunststück. Von klein auf werden Frauen* und deren Körper von ihrem direkten Umfeld anders erzogen, behandelt und gemaßregelt als Männer*. Als würde das nicht reichen, kommen dazu noch Gruppenzwang und gesellschaftliche Konventionen. Wohin wir blicken, überall unerreichbare Schönheitsideale. Und das, obwohl Studien immer wieder zeigen, dass Veränderungen am Körper eben nicht den erwünschten Selbstwert-Kick mit sich bringen. Brustwarzen, die in die gleiche Himmelsrichtung schauen oder verkleinerte innere Vulva-Lippen werden dir nicht automatisch das gewünschte Selbstbewusstsein einimpfen.

Bewegungen wie #BodyPositivity oder #BodyNeutrality sind das kleine gallische Dorf, das tapfer gegen den anhaltenden Massen-Trend ankämpft. Die Botschaft dahinter: Wir müssen aufhören, schamhaft über unsere Sexualität und unseren Körper zu reden, wenn wir das auch bei allen anderen privaten Themen auch längst schaffen. Denn das Private ist längst öffentlich und die Ergebnisse eines Knie-MRTs oder die Diagnose deiner Magenspiegelung sind für uns auch nichts Intimes, obwohl sie physiologische Vorgänge betreffen.

Wir müssen akzeptieren, dass wir keine Plastikpuppen sind und Bedürfnisse wie auch Eigenheiten haben. Ja, auch Frauen* schwitzen, stinken, fließen aus, tropfen, sind unterschiedlich erregbar und unterschiedlich feucht, verschieden sensibel und individuell sehr anders, wenn es um Menstruation, Schmerzen oder Ausfluss geht. Wir haben unterschiedlich dichtes Haar an unterschiedlichen Stellen, verändern uns mit dem Alter, genauso wie unsere Vulva, und sollten die Auseinandersetzung mit alldem nicht ausschließlich auf Wein-Gespräche mit engen Freund*innen auslagern. Das Leben ist Veränderung und das ist gut so.

Ist wirklich schon alles gesagt über Sex?

Aber wenn das Internet und seine Fülle an Information so nahe sind, warum glauben dann immer noch 53 Prozent der Jungen, dass Menstruation der Verhütung dient? Die fortschreitende Digitalisierung bringt immer mehr Generationen hervor, die mit dem Internet und all seinen Gangarten sozialisiert wurden. Aber eben nicht nur mit seiner Info-Seite, sondern auch seinen Bubbles und Pornos. Pornos dienen als Drehbücher, die oft ohne hinterfragen nachgespielt werden. Wir lassen die Kids alleine damit. Auch mit der Zunahme an Geschlechtskrankheiten.

F***-Fact: Der Leistungsdruck durch Pornos nimmt mit dem Alter ab

Den Druck, beim eigenen Sex wie im Porno zu performen, verspüren am ehesten die jungen Österreicher*innen: 23% der 18- bis 29-jährigen, 14% der 30- bis 49-jährigen und 7% der 50- bis 65-jährigen stimmen der Aussage „Durch den Konsum von Pornos verspüre ich mehr Leistungsdruck beim Sex“ zu.

Eine Folge ist, dass Partnerschaften nicht mehr en vogue sind. Sätze wie „Sind wir jetzt fix zam?“ können tatsächlich zum Ende des Kontakts führen. Was aber alle eint: es wird derzeit so viel gebumst wie schon lange nicht mehr.

Die Wahrheit ist aber, dass niemand Sex versteht. Denn es gibt mindestens so viele Bedeutungen, Arten und Formen vom Akt wie es Menschen gibt. Es gibt kein Abziehbild des perfekten Sex, das du dir ins Stammbuch des Lebens kleben kannst – lass dich daher nicht irgendwo reindrängen.

Social Media im Speziellen, aber auch das Internet im Allgemeinen, sind bestenfalls ein Spiegelbild der Gesellschaft, und selbst hier oft ein verzerrtes. Es ist nicht verwunderlich, wenn Prüderie und Stereotype auf Facebook und Instagram stark vertreten sind, wenn wir sie auch offline noch leben. Weibliche Nippel dürfen nicht gezeigt werden, Stephanie Sarley darf nicht immer ihre Früchte fingern und auch The Vagina Bible kämpfte zwei Jahre gegen Repressalien. Das alles zeigt, dass Sex sich zwar gut verkauft, aber trotzdem noch lange nicht normal ist.

Sex ist Kopfsache

Als mir Manfred (55) ganz stolz erzählte, dass er im Zuge unserer Gespräch nun endlich den Weg zum Psychiater gewagt hat und sich, wie von mir empfohlen, Antidepressiva verschrieben ließ, stieß ich Stoßgebete in den Himmel, dass er von den leidigen Nebenwirkungen verschont bliebe. Tatsächlich wurde sein Penis nicht mehr hart und der morgendliche Frischekick, das tägliche Masturbieren unter der Dusche, war nicht mehr möglich. „Wissen Sie“, sagte Manfred während einer Sitzung zu mir, „bevor ich zu Ihnen kam, wollte ich mich umbringen. In welchem Verhältnis steht eigentlich für wenige Monate nicht abspritzen zu können im Vergleich zu leben?“

Dass Medikamente einen gravierenden Eingriff auf die Psyche und eben auch auf die Sexualität bedeuten können, wird nur hinter vorgehaltener Hand zugegeben. Viele Frauen* berichten mir, dass sie zum Beispiel während der Einnahme mit der Pille weder Lust auf Sex hatten, noch tatsächlich zum Höhepunkt kommen konnten. Bei allen Mühen und Versuchen. Ausweglose Verzweiflung.

Nachdem Manfred die Tabletten wieder abgesetzt hatte, begleitete ihn trotzdem ein Hadern, das wir erst nach einigen Gesprächen ergründet konnten. Die Stimmen aus seiner Vergangenheit, die ein starres, unhinterfragtes Männerbild in seinen Kopf zementiert haben, ließen ihm keine ehrliche Wahlfreiheiten. Da war der Allgemeinmediziner aus dem AKH, der ihm sagte, dass mindestens 5 Ejakulationen pro Woche notwendig sind, um seine Prostata vor Krebs zu schützen. Da war sein Vater, der ihm erklärte, dass männliche Wut und Aggression gottgegeben sind und die einzige Lösung dafür reichlicher Sex ist, um Druck abzulassen. Da waren seine Kolleg*innen bei der Feuerwehr, die immer wieder damit prahlten, wie oft sie nicht die Partner*in stundenlang gegen die Wand knallten, manchmal auch nach einem anfänglichen Nein. Den Großstadtcowboys etwas entgegen zu setzen, hatte Manfred sich allerdings auch nicht getraut.

Als er eine Sexualbegleiterin aufsuchte, erkannte er, dass ihm Penetration gar nicht so wichtig ist. Oftmals kam er nur zum Kuscheln und schlief in ihren Armen ein. Eine große Herausforderung war für ihn, alte Rollenmuster, Klischees und Stereotype davon, was einen „echten Mann*“ ausmacht, abzustreifen und für sich komplett neu zu definieren. Erst dann konnte er seine Sexualität neu ergründen und ohne Druck ausleben.

Anonym

Sex ist auch, wenn niemand kommt.

Was ist also der wichtigste Tipp für ein erfülltes Sexualleben? Ganz einfach: Ganz egal, was dir Gesellschaft, Medien oder Freund*innen vermitteln, sei einfach du und das ist komplett perfekt so. Hab Sex oder nicht. Laut oder leise. Mit vielen oder einer Person. Masturbiere oder auch nicht. Nimm dir einfach Zeit und Ruhe. Spüre dich und dein Wunderwerk Körper. Rede über deine Sexualität und finde Gleichgesinnte. Bleib offen und neugierig. Menschen verändern sich, auch du. Was dir vielleicht vor fünf Jahren noch gefallen hat, findest du heute vielleicht schon strunz langweilig. Auch das ist gut und gehört zur Weiterentwicklung dazu! Frage dein Gegenüber nach Wünschen und No-Gos. Konsent ist Pflicht! Benutzt euren Mund, in erster Linie zum Reden, aber auch für was euch noch einfällt. Bitte verwende Kondome. Und gib Freude und vergiss nicht darauf, dass auch du welche bekommst. So einfach und so schwierig ist es.

Dieser Artikel ist Teil des MAGNET-Schwerpunkts „Science F**ktion: Österreichs Sex im Zeitalter der Digitalisierung“. Die Ergebnisse unserer großen Sex-Studie findest du hier. Hier findest du unseren Artikel zu Pornokonsum. Hier liest du alles über Sextoys.

BESONDEREN DANK AN:

Agnes × Magnet

Agnes Hunyadi

Agnes Hunyadi ist professionelle Tabubrecherin. Als Klinische Psychologin arbeitet sie mit Menschen in Krisensituationen, in ihren sexualpädagogischen Seminaren und Workshops kämpft sie gegen Stigmata, Klischees und Stereotype an. Sie ist außerdem Gründerin von The Vagina Bible, dem größten Blogazine im deutschsprachigen Raum zu Empowerment, Body Positivity und Feminismus.

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