06.11.19 – Steven Meyer

Das Angebot an neuen Serien war nie größer als heute. Dennoch ziehen viele Menschen altbekannte Kult-Formate dem neuen Angebot vor. Warum eigentlich?

Donnerstagabend, mein Freund und ich liegen gemeinsam im Bett. Wir sind beide geschafft vom Arbeitstag, schalten den Fernseher ein und klicken uns durch das Programm sämtlicher Streamingdienste. Zwei haben wir abonniert, daneben zusätzliche Channels, für die wir jeden Monat zahlen. Ich mache Vorschläge, er auch, aber wir haben beide keine Lust auf das, was der jeweils andere schauen mag. Noch nicht einmal über das Genre werden wir uns einig: Ein Drama ist nach einem langen Tag zu anstrengend, eine Romcom dagegen zu flach und eine neue Serie ein zu großes Commitment.

Es vergehen mindestens 30 Minuten, dann steht unsere Entscheidung: Friends. Nicht zum ersten Mal. Wir starten wieder von vorne und schauen uns – ist es das achte, oder vielleicht doch schon das zehnte Mal? – die erste Folge an, in der Rachel in einem Hochzeitskleid zu Ross, Chandler, Monica, Phoebe und Joey ins Central Perks kommt. Der Plot ist bekannt, es entwickelt sich die wohl unrealistischste Clique der Fernsehgeschichte. Das Intro ertönt: „I’ll be there for you“, und wie Recht sie damit haben, denke ich mir vor dem Klick auf „Skip“.

Das ist auch die Botschaft des bekannten „How to watch Netflix“-Memes, das wohl aus genau dem Grund groß wurde: Weil wir ohnehin wissen, dass Neues uns nur Zeit raubt und uns nur überfordert, schalten wir am Ende auf etwas Bekanntes um (und hängen im Extremfall währenddessen sogar noch am Telefon).

Aber woran liegt der Reiz, sich gerade in einer Zeit von täglichen Serien-Neuerscheinungen diese altbekannten Folge immer wieder anzuschauen, obwohl wir beide jede einzelne Zeile mitsprechen können und jeden Witz bereits kennen? Wieso enden so viele Fernsehabende mit den immergleichen Folgen einer 90er-Jahre Sitcom, Sex and the City oder anderen kultigen Formaten von früher? Um dieser Frage nachzugehen, habe sie meinen Instagram-Follower*innen gestellt. Ich wollte wissen, ob es vielen anderen ähnlich geht und mit welcher Motivation sie alte Sendungsformaten sehen. Ich bekam mehr Antworten als erwartet.

Unter dem Motto „Was wäre das Internet ohne Kabelfernsehen?“ treffen hier Nostalgie und Netz-Liebe aufeinander, um auf der TV-Couch ein gemeinsames Brain-Baby zu zeugen. Und weil Markus beim Fernsehen und Meme-Schauen nicht mit dem Denken aufhört, beschäftigen wir uns unter anderem mit Fragen wie:

Seit Februar 2019 hat dieses Verhalten übrigens einen Namen. Alexis Nedd nennt das Phänomen in einem Artikel auf Mashable „Comfort Binge“ und liefert damit auch gleich die Antwort. Ihrer Meinung nach haben Serien, die das Potenzial haben, in diese Kategorie zu fallen, mehrere Gemeinsamkeiten: „Comfort Binge“-Serien unterhalten auf leichte Weise, sind vorhersehbar und haben keine schockierenden Wendungen, die die Zuschauer*innen bei der Stange halten sollen. Es gibt keine Cliffhanger und die Handlung ist nicht komplex. „They’re not out to fuck with you“, schreibt Alexis Nedd.

Und wie Recht sie damit hat. Es würde wohl kaum jemand Games of Thrones, LOST oder Breaking Bad einschalten, um den Kopf währenddessen abzuschalten. Das bedeutet nicht, dass diese Serien nicht genial sind – eher das genaue Gegenteil ist der Fall. Aber wenn einem gerade danach ist, zu entspannen, ohne nachzudenken, sind sie einfach nicht die beste Wahl. Die immer neuen Wendungen, die Action und eine zu vielschichtige Handlung würden einfach viel zu viel Aufmerksamkeit beanspruchen.

Mirna, 25, war eine unter vielen, die auf meine Instagram-Story geantwortet hat. Sie studiert Politikwissenschaften an der Universität Wien und sieht sich seit mittlerweile sechs Jahren mehrere Folgen Friends an – und zwar jeden Tag. Ihr geht es mit neuen Serien-Formaten genau wie mir: Sie ist ihnen gegenüber immer eher skeptisch, zumindest am Anfang. Noch dazu sind ihre Erwartungen an Neuerscheinungen meistens zu hoch und die Wahl für Friends einfach zu bequem. Hier weiß sie, was sie bekommt. „Ich liebe diese sechs Charaktere einfach“, schreibt sie mir. „Ich glaube, ich bin so abhängig von der Show, weil ich mir insgeheim selbst so eine Gruppe von Freund*innen wünsche.“

Das kann auch Prof. Dr. Daniela Schlütz, Medienwissenschaftlerin an der Filmuniversität Babelsberg, gut verstehen. Eines ihrer Forschungsgebiete ist die Rezeptions- und Unterhaltungsforschung – insbesondere die von seriellen Formaten und Qualitätsfernsehen. Sie sagt, dass Zuschauer*innen bei Serien wie Friends alte Freund*innen wiedertreffen, mit denen sie sogenannte parasoziale Beziehung eingehen. Der Begriff „parasozial“ beschreibt in der Medienpsychologie Interaktionen oder Beziehungen mit Akteur*innen, die es gar nicht gibt, also mit fiktiven Charakteren aus Serien. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir uns in ihrer Gegenwart wohlfühlen. Sie sind uns vertraut. „So können wir in Nostalgie schwelgen – ein Gefühl, das Halt, Orientierung und Bindung bietet in Zeiten des Wandels“, sagt Daniela Schlütz.

Die Studentin Mirna schaut Friends nicht jeden Tag auf die gleiche Weise. Wie intensiv sie sich der Freund*innengruppe zuwendet, unterscheidet sich neben der Tagesverfassung vor allem nach Tageszeit. Tagsüber kommt es nämlich auch oft vor, dass die Serie einfach nur im Hintergrund läuft, während sie Aufgaben für die Universität erledigt oder sich um den Haushalt kümmert. Schaut sie die Sitcom am Abend, widmet sie sich den Stammgästen des Central Perk ohne Ablenkung, voll und ganz.

Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut. Wenn ich zuhause staubsauge oder putze, läuft nebenbei oft King of Queens, New Girl oder irgendeine andere Serie, die ich gut kenne und bei der ich immer wieder einsteigen kann – auch wenn ich nicht zu 100 % bei der Sache bin. Ich denke nicht darüber nach, der Fernseher flimmert und die Protagonist*innen der Serie spielen ihre altbekannten Rollen, so wie noch vor 15 Jahren, als ich von der Schule nach Hause kam. Sie machen ihr Ding und ich mache meins. Ich muss dabei keine aktiven Entscheidungen treffen. Eben wie früher, als ich mich damit abfinden musste, was das TV-Programm vorgab.

Seither hat sich unser Medienkonsumverhalten stark verändert. In einer Zeit, in der jeder und jede von uns selbst Medien produziert (und wenn es nur Instagram-Storys sind) und wir mehr Gefühle und Stimmungen und Events als Produkte kaufen wollen, sind Angebot, Auswahl und Personalisierung wichtiger als jemals zuvor. Mittlerweile ist es notwendig, uns proaktiv für eine Serie oder einen Film zu entscheiden. Was als Dienstleistung gedacht war, ist aber immer häufiger auch eine Belastung, die von uns verlangt, dass wir uns tiefgehend mit Popkultur beschäftigen und uns zu allem eine informierte Meinung bilden.

Im Gegensatz dazu sei die Rezeption von Serien wie Friends eine Bezugnahme auf Unanstrengendes, Altbekanntes und eigne sich deshalb optimal für den sogenannten „Second Screen“ oder die Hausarbeit, wie die Medienwissenschaftlerin Daniela Schlütz weiter erklärt und bekannte Serien bieten eben auch Sicherheit in der wild gewordenen Medienlandschaft. „Wir wissen, was auf uns zukommt, werden gut unterhalten und müssen kein Risiko eingehen, den Abend mit einer unbekannten Serie zu ruinieren, die nicht gut ist“, sagt sie. Neue Formate, ungewohnter Content und alternative Stile bräuchten Ruhe und Konzentration. „Das ist nicht immer möglich“, weiß Schlütz.

Prof. Dr. Daniela Schlütz
Prof. Dr. Daniela Schlütz, Medienwissenschaftlerin

Wir wissen, was auf uns zukommt, werden gut unterhalten und müssen kein Risiko eingehen, den Abend mit einer unbekannten Serie zu ruinieren, die nicht gut ist

Im Gegensatz dazu sei die Rezeption von Serien wie Friends eine Bezugnahme auf Unanstrengendes, Altbekanntes und eigne sich deshalb optimal für den sogenannten „Second Screen“ oder die Hausarbeit, wie die Medienwissenschaftlerin Daniela Schlütz weiter erklärt und bekannte Serien bieten eben auch Sicherheit in der wild gewordenen Medienlandschaft. „Wir wissen, was auf uns zukommt, werden gut unterhalten und müssen kein Risiko eingehen, den Abend mit einer unbekannten Serie zu ruinieren, die nicht gut ist“, sagt sie. Neue Formate, ungewohnter Content und alternative Stile bräuchten Ruhe und Konzentration. „Das ist nicht immer möglich“, weiß Schlütz.

Das ist im Wesentlichen auch die Aussage von Alexis Nedds Artikel zum Phänomen „Comfort Binge“. Sie schreibt, dass wir uns für geläufige Serien entscheiden, um uns unseren Samstag nicht von einem einzigen kleinen Beschluss ruinieren zu lassen. Wir schauen sie, wenn das Durchscrollen der Optionen einfach zu nervig wird. Nedd vergleicht ihr Verhalten mit Gesichtsmasken und Entspannungsbädern. Nutzen wir den Comfort Binge also als Wellness für den Kopf?

Das trifft jedenfalls auf Mirna zu. Die Suche nach einer neuen Serie ist ihr meist zu anstrengend – deshalb fängt sie erst gar nicht an. Die 90er-Jahre Sitcom konnte ihr Vertrauen vor langer Zeit bereits gewinnen. „Ich weiß, dass ich nach einer Folge Friends nichts zu bereuen habe“, sagt sie. Das kann ich verstehen. Mein Freund und ich haben einfach schon zu oft Serien oder Filme angefangen, bei denen wir schnell merkten, dass wir sie nicht mögen. Dass man an einem Abend aber nur ungern drei Filme zur Hälfte schaut, bis man den richtigen gefunden hat, muss ich wohl nicht extra dazusagen.

Komfort-Serien sind in ihrer Funktion ein bisschen wie Märchen: Man lässt sich die immer gleichen Geschichten erzählen, manchmal konzentrierter als andere Male, immer mit einem etwas anderen Blick auf dieselben Inhalte, weil es uns Sicherheit gibt und uns an einen Wohlfühl-Ort in unserem Kopf transportiert. Wie eigentlich immer, wenn man genauer hinschaut, ist das Phänomen also nicht neu. Dasselbe Prinzip treffen wir bei jeder anderen Form von Unterhaltung; wir schauen die hundertste Inszenierung von Faust, oder die x-te Abwandlung der Joker-Origin-Story, weil der bekannte Rahmen uns Sicherheit gibt.

Denn am Ende sind „Comfort Binge“-Serien genau das: ein Safe-Space in Storyform. Und solange man den nicht mit der echten Welt verwechselt, ist ein gelegentliches Abtauchen nicht nur ok, sondern wichtig für unsere Balance.

ABBINDER:
Apropos: Mehr zu ikonischen TV-Momenten, die im Internet immer noch groß sind, findet ihr bei Meme-o-logy – und die Kultserien von morgen gibt’s jetzt bei Magenta TV!

Steven × Magnet

Steven Meyer

Steven Meyer ist 26, lebt und schreibt in Wien und ist allergisch gegen fast alles Essbare auf der Welt. Seine Artikel sind bisher unter anderem bei VICE, Standard, ze.tt (Zeit Online) und jetzt (Süddeutsche) erschienen

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