20.04.20 – Catherine Gottwald

Die Krise katapultiert das digitale Klassenzimmer vom Abstellgleis auf die Überholspur. Damit dabei niemand auf der Strecke bleibt, müssen Lehrende, Schüler*innen und Eltern zusammenrücken. Distance Learning: Ein Expresslehrgang.

Wir bei Magnet begleiten euch durch die kulturellen Umwälzungen, technischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. #bleibverbunden

Von der Working-Mum zur „Bildungsexpertin“ in nur vier Wochen, geht das? Drei Teenager, mindestens zwei fehlende Headsets, ein überlasteter Drucker und der Lärmpegel eines Großraumbüros untermalt von hysterischem Lachen und dem Geräusch einer Tastatur, die in regelmäßigen Abständen an die Wand geknallt wird: Willkommen in meiner Welt als Hilfslehrerin auf der Ersatzbank.

Elterliche Wissensvermittlung stand bei meinen Kindern schon vor der Corona-Krise ohnehin nie hoch im Kurs. Hoffnung, dass sich das nun radikal bessert, habe ich keine. Ein Lagebericht von der Homeschooling-Front zwischen Über- und Unterforderung, An- und Entspannung, Tränen der Verzweiflung, rettenden Hilfsangeboten und jeder Menge nützlichen „Learnings“.

Kopfüber ins neue Bildungsabenteuer …

Es liegt in der Natur der Menschen, Freiräume auszukosten. Während am 16. 03. 2020 AHS-Lehrende hektisch Arbeitsmaterialien aus diversen Kanälen organisieren, Work-Flow- und Kommunikationsstrukturen aufbauen und Elternvertreter*innen sich im Auftrag ihrer ratlosen Leidensgenossen die Finger wund tippen, schälen sich meine zwei AHS-Schüler gegen 9:00 Uhr erstmal aus dem Bett. Keine konkreten Deadlines für die Arbeitsaufträgen und ein „überschaubares“ Arbeitsvolumen bedeuten vorerst weiter im Himmel der prüfungsfreien"Zwangsverschnaufpause“ zu schwelgen und den Traum von ausgedehnten „Corona-Ferien“ zu leben. Mittagessen, so glauben sie, gibt es dann um 12:00 Uhr.

Klare Strukturen

Unterdessen haben die Schüler*innen der HTL Rennweg schon eine Stunde Unterricht hinter sich. Tage zuvor haben sich die Schüler*innen zu kleinen Lerngruppen zusammengeschlossen und sogar Weckrufe organisiert. Mag das Frühstück auch ausfallen, ab 8:00 Uhr ist die Anwesenheit im virtuellen Klassenzimmer bei manchen Lehrenden Pflicht. Die Abgabemodalitäten der Arbeitsaufgaben sind vom ersten Tag an klar definiert. Wer vergisst, fristgerecht abzuliefern, bekommt sofort einen strafenden Reminder.

Gelassenheit & Optimismus

Laut Claus Bürger, der an der HTL Rennweg Mechanik, Maschinenbau und Konstruktion- und Projektmanagement unterrichtet, hat die plötzliche Dominanz des E-Learning die Schule „nicht sehr aus der Bahn geworfen“. Die HTL Rennweg gilt als eine der innovativsten Schulen Österreichs. Da ihre Bildungsschwerpunkte auch vor der Krise bereits Informationstechnologie und Mechatronik waren, reagiert die Schulleitung auf die „Challenge Homeschooling“ nicht nur mit ausreichender Expertise, sondern sogar mit Gelassenheit und ein wenig Optimismus. Die koordinativen Herausforderungen bestehen laut Bürger lediglich darin, die Vielzahl an Tools für die Schüler*innen auf einige wenige zu minimieren (konkret One Note Laptops mit Microsoft Teams und Eduvidual) oder darin, das Abhalten einer Videokonferenzen mit bis zu 70 Teilnehmer*innen zu perfektionieren.

Durch die Datenflut schwimmen

Das für freiberufliche Journalist*innen sonst so willkommene Wort „Arbeitsauftrag“ bekommt für mich in der zweiten Woche Fernunterricht plötzlich einen neuen, schalen Beigeschmack. Während sich die Gemüter langsam beruhigen, steigt mein Arbeitsvolumen als Hilfslehrkraft nämlich um ein Vielfaches. Gefühlt im Minutentakt schneien die Arbeitsaufgaben der AHS-Kinder in meine Mailbox und geben sich dabei alle Mühe, mit ihren vielen verschieden bunten Ausprägungen als Links, PDFs, Hinweise auf Ausdrucke, Verweise auf Bücher und Moodle-Uploads so abwechslungsreich wie möglich zu wirken.

Dass ein großer Teil der Schulbücher für den Zeitraum der Schulschließung digital verfügbar ist, stellt da eine große Hilfe dar. Aber die Kommunikationskanäle sind verstopft, die Aufmerksamkeitsspannen angeschlagen, die genauen Aufgaben schwer überschaubar – und noch bevor ich Gelegenheit habe, diese Datenflut zumindest für die Hauptfächer zu strukturieren, funkt mir auch schon eine übereifrige Mutter in die Eltern-WhatsApp-Gruppe: „Und wann kriegen wir endlich die Unterlagen für Reli und Musik?“

Langeweile klingt mittlerweile wie ein Jackpot für mich. Dass die Volkschüler*innen ihre noch in der Schule ausgeteilten Arbeitsblätter bereits abgearbeitet haben und nun genüsslich vormittags vorm neu gestalteten ORF-Bildungsformat „Freistunde“ sitzen, bis die neuen Arbeitsblätter ganz old school per Post zugeschickt werden, macht mich fast neidisch. „Freistunde“ wirkt auf jeden Fall nach dem idealen Namen; zumindest aus Sicht der Eltern. Seit dem 15. April gilt das potenziell auch für Eltern von AHS- und NMS-Schüler*innen; das Format wurde inzwischen nämlich für ältere Kinder und Jugendliche ausgeweitet. Für richtiges Freistunden-Feeling – zumindest bei mir – braucht es aber noch mehr.

Mut zur Lücke

Ein Blick auf den Lösungsteil der Englisch-Grammatikübungen deckt auf, dass ich weit weniger gut im fremdsprachlichen Konjunktiv beheimatet bin als angenommen. Auch mein Geschichtewissen ist offensichtlich ausbaufähig. Die Überprüfung der Mathematik- und Physik-Fragestellungen aus dem AHS-Lehrplan reiche ich ungelesen an den Vater meiner Kinder weiter.

Sich offen zu den eigenen- und vor allen den Wissenslücken der Kinder zu bekennen, ist in Zeiten von Covid-19 keine Option mehr, sondern ein Muss. Mit großer Erleichterung stelle ich fest, dass die richtigen Antworten auf Fachfragen dank der Bereitschaft der Lehrenden oft nur einen Mausklick entfernt sind.

Muss ich als Mutter die Lerninhalte meiner Kinder kennen? Wohl kaum. Wenn aber der Zugang zum Schulstoff niederschwellig und für alle Beteiligten greifbar ist; die Materialien digital abrufbar und die Erfüllung oder eben die Nichterfüllung der Aufträge jederzeit nachvollziehbar sind, steigert das die Verantwortung auf Elternseite. Distance Learning schließt Informations- und Kommunikationsschlupflöcher und öffnet Türen.

Zoom in. Zoom out.

Apropos geöffnete Türen: Auch Privatsphäre ist in Zeiten der Covid-19 für Eltern ein seltenes Gut. Dank optimaler Vernetzung aller Geräte und voller Geschwindigkeit fürs ganze Haus, ist es auch in den eigenen vier Wänden zu keiner Tages- oder Nachtzeit ratsam, gedankenverloren tanzend, singend oder einfach nur halb bekleidet herumzuspazieren – zumindest, wenn man nicht im Hintergrund von mindestens einem Videocall als Lachnummer enden will. Meine Faustregel: Wenn man es nicht mit der Weltöffentlichkeit teilen möchte, muss es bis nach Covid warten.

Zu Hause sind wir zu fünft. Aber virtuell sind mindestens doppelt so viele Menschen in unserem Haushalt anwesend, und das permanent. Wer nicht aufpasst, platzt in das Zoom-Meeting mit dem Geo-Lehrer (Bubenzimmer), die Video-Konferenzen im Wohnzimmer, den HTL-Englisch-Chat im Adoleszenz-Zimmer und die Französisch-Online-Korrektur in der Küche. Nur am sprichwörtlich stillen Örtchen ist man vor den Live-Übertragungen der anderen sicher.

Technische Schwierigkeiten hatten wir erst, als in der ganzen Straße der Strom ausfiel. Und selbst dieses Problem haben die Kinder mittelsSmartphones und Hotspots zackig gelöst. Wer will schon das Zoom-Meeting mit der Mathe-Lehrerin versäumen? Eben. Und ironischerweise meine ich das nicht mal ironisch: Chats und Live-Meetings kommen bei den Kindern gut an. Lehrende wie DI Claus Bürger nutzen Klassen-Chats, um durch einfache Zwischenfragen herauszufinden, wer die Aufgaben auch wirklich selbstständig erledigt.

Klug auf Knopfdruck

Während der Bildungsminister im Fernsehen von „der guten Selbstorganisation der Schüler*innen“ beim Lernen zu Hause schwärmt, setzte ich mich in meiner Funktion als Überbrückungslehrerin fächerübergreifend mit dem tragischen Schicksal des Kriegsministers während der Österreichischen Revolution 1848, dem jüdischen Pessach-Fest, der Entdeckung des Penizillins und der österreichischen Importwirtschaft auseinander. Aber das allein reicht nicht.

Die Englisch-Lehrerin sendet mir folgende Nachricht: Leider sei bisher noch keine der geforderten Aufsätze bei ihr eingelangt. Trotz ausgezeichneter Lern-Tipps fürDistance Learning, allerbester Vorsätze, fein strukturierter Arbeitsaufträge mit klaren Abgabekriterien, klaffen Theorie und Realität bei der Umsetzung bei uns zu Hause weit auseinander.

Auch meine kluge Freundin Irene bezeichnet ihre Arbeit in einem als systemrelevant klassifizierten Betrieb inzwischen als „Erholung“: Das Homeschooling ihrer vier Kinder nimmt die berufstätige Mutter sehr in Anspruch; und das, obwohl sie sich die Kinderbetreuung mit ihrem Mann teilt, der ebenfalls in einem systemrelevanten Beruf tätig ist. Wie gut selbstorganisiertes Lernen funktioniert, hängt auch in ihrer Familie ganz von der Persönlichkeit und Tagesverfassung des Kindes ab.

Bleibt der Stoff auch im Kopf?

In der dritten Woche des Fernunterrichts beginnt sich die Hautfarbe meiner Kinder von „Winterweiß“ auf gräuliches „Nerd-Grün“ umzufärben. Vermutlich ist nicht nur Homeschooling dafür verantwortlich, sondern das breite Angebot an Unterhaltungs- und Kommunikationsmöglichkeiten, die das Internet abseits von Lerninhalten sonst noch so bietet.

Die Frage, ob der im Homeschooling erworbene Lernstoff nach der Krise noch in den Köpfen der Schüler*innen verankert sein wird, beantwortet Dr. Karen Gerstl, die am GRG13 Wenzgasse Mathematik und Deutsch unterrichtet, so: „Ich denke, dass es hier zwei Extremfälle geben wird: Jene, die die Aufträge gewissenhaft erfüllen, haben die Chance, gewissenhaft zu üben und die Inhalte zu festigen. Jene allerdings, die gar nichts machen – und das kann ich nur bedingt überprüfen – laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Für mich steht fest, dass ich die Inhalte, die ich jetzt versuchsweise neu vermittle, noch einmal im Unterricht in der Schule nachmachen werde.“

weiterlernen.org - Gratis Hilfsangebot von Studierenden

Wer tatsächlich Angst hat, den Anschluss zu verlieren, darf aber auf Unterstützung hoffen: Mit ihrer Idee zu weiterlernen.org haben Raphael Eder, Alexander Hutterer, Paul Müller und Johanna Teufel nicht nur ein Vorzeige-Projekt für die Herausforderungen unserer Zeit geschaffen, sondern auch den zweiten Platz bei #hackthecrisisAT gemacht.

Ehrenamtlich betreuen hier Studierende aus diversen Fachrichtungen Schüler*innen, die dringend individuellen Lernsupport brauchen. Ziel ist es, „niemanden zurückzulassen“ und qualitativ hochwertige Lernhilfe rasch und unkompliziert anzubieten. Weiterlernen.org ist inzwischen offizieller Partner einer Initiative des Bildungsministeriums (BMBWF).

„In Österreich gibt es kein flächendeckendes Angebot, das Schülerinnen und Schüler kostenlos beim Lernen unterstützt“, erklärt Johanna Teufel von weiterlernen.org. „In Zeiten von Homeschooling ist das besonders problematisch. Mit weiterlernen.org wollten wir das ändern.“

Innerhalb der ersten 24 Stunden haben sich bereits 55 Tutor*innen gemeldet; eine Woche später waren es schon 307 Tutor*innen. An die 110 Schüler*innen wollen das Service aktuell in Anspruch nehmen, die meisten von ihnen Maturant*innen.

Mein Fazit nach 4 Wochen an der Bildungsfront

Egal, wie lange wir noch vor den Webcams unserer Liebsten in Deckung gehen müssen, eins steht schon fest: Homeschooling oder Distance Learning sind in der Kombination definitiv kein Zustand, den Eltern, Schüler*innen oder Lehrende herbeisehnen oder auch nur länger als unbedingt notwendig fortsetzen wollen. Es ist eine Ausnahmesituation, aus der alle das Beste herausholen müssen. Wie lange dieser Zustand andauern wird, kann niemand abschätzen. Es ist ein Testlauf unter Zeitdruck, ein Prozess, bei dem alle Beteiligten ihren Einsatz erhöhen, ihre Stärken ausspielen und sich ihren individuellen Defiziten stellen müssen.

Das Wichtigste dabei ist, Experimente und Rückschläge zuzulassen, und sich auch der psychischen Belastung stets bewusst zu sein, die diese Situation bedeutet – und zwar für alle Beteiligten. Jugendliche lieben den Tech-Aspekt, können sich beim Lernen zuhause aber oft schwerer konzentrieren; Eltern schätzen die Informiertheit über die schulischen Fortschritte ihrer Kinder in einem Maß, das es so noch nie gab, sind aber gleichzeitig an den Grenzen ihrer Belastbarkeit angekommen; und Lehrende vermissen jetzt schon – wie mir einige im Gespräch versichern – den Präsenzunterricht und die Gruppendynamik im Unterricht.

Aber im Gegensatz zu Wissensständen, die im Internet immer aufgeholt werden können, ist die eine Sache, die in jedem Fall übrigbleiben wird, die Erinnerung daran, wie wir in dieser Zeit der Stresstests miteinander umgegangen sind.

Links:

Tagesaktueller Überblick des Bundesministeriums für Bildung zum Thema Fernlehre. Alle Infos für Lehrende, Schüler*innen und Eltern:
bmbwf.gv.at/Themen/schule/beratung/corona/corona_fl.html

Lernplanet: Schule von Daheim „Von und mit Werner Gruber“
Mo-Fr von 9:00–11:00 auf W24 und auf w24.at ergänzende, zusätzliche Lernmaterialien zum Download und Videos zum Nachsehen auf lernplanet.wien für die 5. bis 8. Schulstufe in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch, Bewegung und Sport, Bildnerische Erziehung, Biologie und Umweltkunde, Chemie, Ethik, Geographie und Wirtschaftskunde, Geschichte und Sozialkunde, Physik und Musikerziehung. Auch dabei: Lernvideo-Pionier Michael Fleischhacker (flippdenfleischhacker.at) (Mathematik).

Weitere Unterstützung von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Pädagoginnen sowie Pädagogen bei der Nutzung digitaler Medien:
blog.magenta.at/category/connectedkids/

Catherine × Magnet

Catherine Gottwald

Catherine Gottwald ist freie Kulturjournalistin, unter anderem bei der WIENERIN, träumt vom nächsten Voodoo Jürgens-Konzert, einem Abendessen mit all ihren österreichischen Lieblingskrimiautor*innen und davon, ihr wegen Covid-19 abgesagtes Treffen mit Peter Simonischek nachzuholen.

Beitrag
teilen
URL in die Zwischenablage kopiert
Beitrag
teilen
URL in die Zwischenablage kopiert
Zurück zur Startseite