10.04.20 – Gabriela & Veronika

Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit — wie wir jetzt zusammenarbeiten können, um die Kulturszene zu unterstützen, damit das Richtige von der Krise überbleibt.

Wir bei Magnet begleiten euch durch die kulturellen Umwälzungen, technischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. #bleibverbunden

Robert Frost hat einmal gesagt, die Hölle sieht aus wie ein spärlich gefüllter Zuschauerraum. Dieses Frühjahr sind die Sitze sämtlicher Theater, Clubs und Kinos des Landes leer. Befinden wir uns also im endlosen Fegefeuer der Kunst- und Kulturbranche, oder findet das beste Konzert ohnehin auf der heimischen Couch statt? Ein Appell an das engagierte Publikum.

Wir brauchen Kunst, um die Welt zu verstehen, in der wir leben. Gerade jetzt ist es für diejenigen, die sie produzieren, schwierig.

Viele Künstler*innen stehen seit dem Ausbrechen der Pandemie rund um COVID-19 vor existenziellen Fragen nach Miete, Verpflegung und Arbeitsausfall. Nur bedingt werden sie von gewerkschaftlichen oder staatlichen Rettungspaketen aufgefangen; der Löwenanteil ihrer Einkommen basiert auf dem Live-Unterhaltungsbetrieb. Wenn der Konzertbesuch in der Stadthalle voraussichtlich für das ganze Jahr ins Wasser fällt, das Lieblingskino im Grätzl auf Dauer zusperrt und jeder zweite Nachtclub von der Schließung bedroht ist, liegen in der Stadt die Nerven blank.

Für diejenigen, die nicht in systemkritischen Berufen arbeiten und Zuhause verweilen, gibt es überall spezielle Unterhaltungsangebote. Eine (un-)freiwillige Selbstisolation lädt uns Zuhausgebliebene dazu ein, endlich die gehypte Serie aufzuholen, in das Album des Popsternchens, das völlig an uns vorbeigegangen ist, reinzuhören und den gefürchteten Yogakurs auf YouTube zu beginnen. Sakura Katsuura, Singer-Songwriterin aus Hong Kong mit Wahlheimat Wien, versucht es trotz der finanziellen Unsicherheiten locker zu nehmen: „There have been loads of ups and downs and its quite financially stressful, but I’m still super lucky to have a space where I can live comfortably and work on the album in the meantime. And its actually been quite nice being able to dedicate all of my time to the creative stuff.“ Die kunstvolle Ablenkung, der „creative stuff“, ist das, was wir gerade alle sehr dringend brauchen. Während uns im Idealfall eine kleine Flucht aus dem ängstlichen Alltag gelingt, steht für viele der ausübenden Kulturarbeiter*innen nicht einmal fest, ob im nächsten Monat ihre Existenz gesichert ist.

WARUM LEIDEN BESONDERS KÜNSTLER*INNEN FINANZIELL?

Die gemeinsame Teilhabe an einem Spektakel, sei es ein Open Air-Konzert von Metallica, die Pride am Rathausplatz oder Mahler im Musikverein, ist immer genauso gesellschaftliches Event wie Arbeitsplatz. Auf der Bühne sonst prominent vertreten und deshalb vermutlich weniger plakativ prekarisiert sind da die Künstler*innen: Musiker*innen, Bands, Kabarettist*innen, Drag Queens, Hosts, Autor*innen, Aktivist*innen. Diese sind oft selbstständig gemeldet und leben, im wahrsten Sinne der Phrase, from paycheck to paycheck. Honorare müssen aus verschiedenen Einkommensquellen kommen. Dass auch bei bekannteren Acts im Popbetrieb nicht von den Albumverkäufen allein gelebt werde, ist inzwischen Konsens.

Den wirtschaftlich rentabelsten Teil der Unterhaltungsindustrie stellt in der Regel nur mehr die Live-Branche dar. Ähnlich wie die Künstler*innen lebt hier auch das Nachtpersonal in kompletter Abhängigkeit zum laufenden Kulturbetrieb. Ihre Arbeitgeber*innen, die Clubs, kämpfen nun selbst allerorts mit Crowdfunding-Kampagnen ums Überleben. Zu jedem Bier mit 2€ Becherpfand gibt es eine Hand, die es auffüllt, um Rechnungen zu bezahlen. Jedes Kabel möchte eingesteckt, jeder Mikrofonständer eingestellt, jede Jacke an der Garderobe abgegeben werden. Die Stadt hilft laut eigenen Aussagen wo sie kann, der Bund ebenfalls. Das ist hilfreich und wichtig, Unterstützung gibt es aber vorrangig für Unternehmen, in diesem Fall Verlage, Labels und Agenturen.

Gerade in Wien gibt es da einige Eifrige, die schon seit geraumer Zeit Streams ihrer Artists zur Verfügung stellen, etwa gegen freiwillige Spende oder feste Eintrittsgelder. Aufgeteilt wird im Idealfall alles untereinander. Das bietet eine direkte Alternative zum Konzertbesuch, gestreamt wird meist aus den Heimen der Musiker*innen. Diese streamen neben ihrer Musik dann zum Beispiel Kochtutorials, Klavierstunden und Yogaroutinen, werden zu Social-Media-Persönlichkeiten.

Was passiert dann mit denen, die keine digitale Reichweite haben, um durch Online-Content ihre entgangene Arbeit zu kompensieren, die nicht ihren Willen zur Mehrarbeit, ihre „Marke“ in einem Stream anbieten können? Hier zeigt die Ausnahmesituation klarer denn je, dass der Kulturbetrieb großflächige Umstrukturierung braucht. Nun sitzen wir aber in Quarantäne und von unseren Sofas aus klingt die Revolution der Kulturbranche, nun ja, etwas schwierig zu realisieren. Vielerorts entwickeln sich aber Ideen und Ansätze, wie die direkte Verbindung zwischen Künstler*in und Publikum aus dem Live-Betrieb in unsere neue, vornehmlich digitale Realität übersetzt werden kann.

WAS TUN OHNE SAAL?

Auf einer Tournee spielt eine Band in zehn Städten nacheinander das gleiche Set, zehn Mal den gleichen Livestream kann sie aber nicht spielen. Damit ein*e Künstler*in mehr als ein Publikum bespielen kann, ist es also elementar, Plattformen und Zielgruppen miteinander zu teilen, einander einzuladen und Solidarität gegenüber denjenigen zu zeigen, derer täglich Brot unsere Unterhaltung ist.

Es geht also für Publikum und Produzent*innen nicht nur darum, den laufenden Betrieb auf online zu verlegen, sondern ein neues Gespräch, ein neues Konsumverhalten für Musik und Kunst zu finden. Wo verbleiben diejenigen, die nicht von einem staatlichen Hilfspaket aufgefangen werden, die bei keinem der größeren Labels oder Agenturen des Landes eine Abfederung erhalten? Sie sind häufig diejenigen, die auch im Normalbetrieb schon unverhältnismäßig viel für ihr Geld arbeiten müssen, jedes Konzert und jede Lesung mitnehmen. Diesen Künstler*innen ganz unbürokratisch und ungeniert ein paar Euro zuzuschieben, darum ginge es jetzt eigentlich

In kürzester Zeit sprießen in Wien Ersatzangebote für vorfreudig erwartete Konzerte, Clubnächte und Lesungen aus dem Boden: beim Homestage Festival wurden Musik und Literatur auf die digitale Bühne übersetzt, die Partymeuten der Stadt treffen sich statt im Club U oder im FLUC auf Zoom und das Wiener Filmcasino bietet online Filme zum Stream an, die sonst im regulären Betrieb gezeigt worden wären. So ebenfalls das Diagonale Filmfestival und das Vienna Shorts Festival, die beide auf ein digitales Ausweichangebot setzen.

Mit Online-Ticketing ist bei den meisten dieser Angebote für ein relativ gewöhnliches Rahmenwerk gesorgt, es wird Eintritt bezahlt, mit dem Gagen bestritten werden. Dalia Ahmed, die als Radiohost bei FM4 (fm4.orf.at/radio/stories/fm4daliaslatenightlemonade/) und als DJ tätig ist, sieht das mit der lückenlosen Übersetzung von live zu digital kritisch.

Dalia Ahmed

Vielleicht ergeben sich in der Zwischenzeit neue Formate via Stream, in denen Artists und DJs fürs Streamen auch was gezahlt kriegen. Aktuell ist es ja eher so, dass Leute in Eigenregie für nix aus dem eigenen Schlafzimmer streamen. Das ist zwar gut, um am Radar zu bleiben, aber auf Dauer halt auch tricky. Außerdem haben auch nicht alle das teure Equipment Zuhause stehen.

Eine einzige Variable ist also für den Erfolg ausschlaggebend, auch ohne körperliche Anwesenheit: das Publikum. Denn egal, wie aufregend und inspiriert etwaige neue Ansätze sind – geht das Publikum nicht mit, kann es nicht zahlen, fallen auch diese Veranstaltungen weg. In Kunst zu investieren, ist auf finanzieller Ebene immer ein Privileg und gerade eine Zeit von großer Unsicherheit und Veränderung muss uns bewusst machen, wie wichtig ein zugängliches Angebot an medialer Zerstreuung für die mentale Gesundheit ist, für alle. An die, die es sich leisten können: Eine CD oder ein Buch direkt abkaufen, in Kontakt treten, klar machen: Der Bedarf ist da. Obwohl wir Zuhause jederzeit nur einen Klick entfernt von Unterhaltung zum Nulltarif sind, wollen wir gemeinsam erleben, Kunst teilen, Fan sein. Wir müssen also, genau wie im laufenden Betrieb, auf eine engagierte Masse zählen können, die Lust auf Kultur und Teilhabe hat, die ihre Zeit auch in Isolation mit Kulturschaffenden teilen, sich die Welt von ihnen erzählen lassen möchte. Wir machen mit dieser Playlist einen Anfang — ein paar Stunden Kunst- und Kulturzerstreuung made at home, zusammengestellt für euch!

WIE BLEIBEN WIR IM AUSTAUSCH?

Selbst die größten Instagram-Pessimist*innen müssen zugeben: Soziale Medien sind gerade the (only) place to be. Als einzig konstanter Sammelort unseres kulturellen Geschehens nehmen Twitter, Instagram, Reddit, YouTube und Co. in diesem Frühjahr verstärkt tatsächlich soziale Funktionen ein und ermöglichen einen virenfreien Austausch von Person zu Person. Während noch im vergangenen Winter der eine oder die andere am Samstagabend zufällig in einem Club gelandet ist und dort seinen neuen Lieblingscomedian oder eine ziemlich coole Band entdeckt hat, muss nun das Internet auch das für uns leisten. Influencer*innen, Magazine und DJs machen es uns vor, weil sie daraus profitieren: Rezensionen, Playlists, Moodboards und Listicles sind das Gebot der Stunde.

An diesem Punkt auch Plattformen zu öffnen, wie es beispielsweise das The Gap Magazin mit seinen Stay-Sane-Takeovers versucht, ist ein erster richtiger Ansatz: „Musik und andere Kultursparten finanzieren sich hauptsächlich durch Konzerte und Live-Veranstaltungen. Auch wenn dieses Live-Loch derzeit nicht gefüllt werden kann, auch nicht von uns, wollten wir KünstlerInnen in und aus Österreich unsere Unterstützung anbieten“, berichtet Chefredakteurin Theresa Ziegler. „Mit dem Stay-Sane-Takeover geben wir Kulturschaffenden eine Plattform, ihre Projekte zu promoten und einen weiteren Kanal mit ihrer Kunst zu bespielen.“

Alle Takeover-Artists nützen diese Möglichkeit ganz so, wie sie wollen, sagt Ziegler: „Ob Livestream-Konzerte, Umfragen zur Musikindustrie, spontane Fenster-Gesänge oder einfach nur Spam aus dem eigenen Quarantäne-Alltag. Jeder Tag sieht anders aus. Das freut uns. Wer in Literatur, bildender Kunst, Film, Comedy oder auf sonstige Art künstlerisch aktiv ist, kann bei uns für einen Takeover anfragen.“ Anschriften werden per Mail an takeover@thegap.at entgegengenommen.

Die Krise öffnet den Kulturbetrieb aber auch für ein völlig neues Publikum. Neue, vergünstigten oder sogar kostenlose Zugänge wie digitale Museumsbesuche, DJ-Sets auf Zoom und Livestreams von Filmfestivals ermöglichen auch den Zugang für jene, die bisher aus finanziellen oder anderen Mobilitätsgründen keinen Zutritt hatten. Plattformen werden geöffnet und zugänglich gemacht, der kulturelle Austausch steigt. Das bedeutet nicht nur längerfristig eine Investition in eine Kulturindustrie, in der wir leben und arbeiten, die wir schauen und hören wollen. Auch das Interesse am Austausch zwischen Menschen an sich ist wichtiger denn je. Werden so nicht nur einzelne Künstler*innen vorgestellt und deren Mieten gesichert, sondern die Künste auch wirtschaftlich zu einem allgemein gültigen, wichtigen Thema, bildet sich im besten Fall ein neues Bewusstsein für die Wertigkeit künstlerischer Arbeit in der Gesellschaft. Wir brauchen Kunst, um die Welt zu verstehen, in der wir leben. Sie ist dafür gemacht, geteilt und gemeinsam erlebt zu werden. Jetzt mehr denn je.

Gabriela & Veronika × Magnet

Gabriela & Veronika

Gabriela Kielhorn ist Medienwissenschafterin und Videokünstlerin. Veronika J. König ist unter dem Namen FARCE (musicexport.at/artist/farce/) als Musikerin und Produzentin aktiv. Gemeinsam leben und arbeiten sie in Wien.

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