08.04.20 – Sandro Nicolussi

Auch in Zeiten sozialer Isolation reißen die Gründe für ein gediegenes Fest nicht ab. Oft schafft das Ausweichen auf die digitale Welt Abhilfe. Die Erlebnisse dieser Online-Feiern variieren dabei grob.

Wir bei Magnet begleiten euch durch die kulturellen Umwälzungen, technischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. #bleibverbunden

Was waren das noch für Zeiten, in denen man mit Gedanken an ein Hohes C irgendwo zwischen klassischer Musik und hochpreisigen Fruchtsäften hängen blieb? Werden die Schauermärchen der viereckigen Augen, die Kindern der Digitalisierung den Spaß an zu viel Screentime nehmen sollten, irgendwann doch wahr? Und wie roch eigentlich noch dieser Moment, wenn man am Tag nach einer Party den Veranstaltungsort beschämt und verkatert aufsuchen musste, weil man es mal wieder nicht auf die Reihe bekommen hat, die Jacke gleich mitzunehmen?

Die Entwicklung von „Wir werden alle Indoor-Veranstaltungen absagen“ zu „Yo, komm doch in unseren Videochat, wo wir uns ansaufen und lustige Musik hören“ geschah schnell und mit einem beängstigenden Grad an Normalität. Sie traf auf eine (altersunabhängige) Generation Black Mirror, die gedanklich seit vielen Staffeln auf das derzeitige Szenario vorbereitet war. Die anderen waren durch Detoxing in Yoga-Retreats bereits auf demselben Weg und fühlten sich aus anderen Gründen abgeholt. Zumindest konnte niemand sagen, wir wären völlig unvorbereitet gewesen.

Sandro Nicolussi

Das einzig wirklich Überraschende an diesen Endtimes ist wahrscheinlich, dass wir uns noch nie so sehr über unsere Geräte miteinander verbunden haben wie jetzt.

Der Spruch „Feste gehören gefeiert, wie sie fallen“ hätte allerdings besser altern können. Die zynische Fratze der Isolation lacht sich hier ins Fäustchen. Geburtstage mit Sicherheitabstand zum eigenen Hund auf der Parkbank? Das klingt nicht nach Festlichkeit. Aber es gibt Abhilfe. Nicht direkt für die Parkbank, aber die Geburtstagsparty im Club danach. Denn während der Offline-Kulturbetrieb leidet und analoge Veranstaltungen verboten und mit empfindlichen Strafen bedroht sind, fallen zwei Faktoren garantiert nicht weg: Vielfältige Gründe für stattliche Zelebration und die Kreativität von Menschen, die sich gehörig einen reinstellen wollen. Glücklicherweise gibt es das Internet (sonst würdet ihr diesen Text gerade auch nicht lesen können, duh), das den drei Personen aus diesem Artikel ermöglicht hat, auf eine Art zu feiern, die sie sich selbst nicht besser, schlechter – oder überhaupt – ausdenken hätten können.

Monothematik, dafür weltweit

Sarah ist eine Freundin von mir, die ich hauptsächlich aus dem Party-Kontext kenne. Umso ungewöhnlicher war es, ihren 28. Geburtstag online zu feiern. In einem normalen Jahr hätten wir uns wohl mit Kuchen und Sekt auf eine lange Clubnacht vorbereitet. Zumindest hätten wir uns umarmt. So haben wir uns um 23:30 Uhr getroffen, um in ihren Geburtstag reinzufeiern. Über eines der vielen Videochat-Angeboten, die in den letzten Monaten erst ihre Userzahlen teilweise mehr als verdoppelt haben, nur um anschließend in die Mangel zu geraten, weil Datensicherheit bisher kleingeschrieben wurde.

Die erste Party, die ich nach drei Tagen ohne zu duschen feierte, begann eigentlich ganz regulär. Immerhin zog ich mir einen lustigen Hut und eine Glitzerweste an und kam schon leicht angetrunken in den Chatraum, in dem sich bereits ungefähr zehn Personen und die Gastgeberin aufhielten. Es wurde gelacht, angestoßen und zu Outkasts „Roses“ getanzt. Um Mitternacht erklang ein nicht minder schräg klingendes „Happy Birthday“, als es in der WG zu hören gewesen wäre – die Ukulelenbegleitung hat es rausgerissen. Die Leute befanden sich in Kiel, Wien, Melbourne und sonst wo – die erste Erkenntnis des Experiments tat sich mir auf: Erst jetzt feiern wir wirklich mit Menschen rund um den Globus.

Sandro Nicolussi

Theoretisch hätten wir auch früher schon videochatten können, aber erst die Notwendigkeit machte daraus eine Realität.

Während ich mir mein viertes Dosenbier öffnete, sprach die Person in Australien schon vom Arbeitsbeginn im Home Office. Immer wenn neue Leute in den „Raum“ kamen, freute sich Sarah extrem über den neuen Gast. Niemals hätte sie all diese Leute gehört, geschweige denn gesehen, wäre sie den ganzen Tag in der Wohnung rotiert, um den Abend vorzubereiten.

Und trotz dieser aufregenden Art, einen Geburtstag zu feiern, deckte ein Thema (ihr wisst schon!) immer wieder das ganze Gespräch zu. Menschen erzählten von neuen Hobbys, wie sauber alle Zimmer jetzt doch nicht seien und sonstigem Isolations-Smalltalk. Danach betretenes Schweigen. Immer wieder brach die Wirklichkeit durch die Feierlaune. Gegen 00:30 Uhr war der Großteil der Leute aus dem Chatroom verschwunden und die Party nahm ein frühes Ende. Immerhin blieb der Kater am nächsten Tag aus.

Gewohnheiten in neuem Gewand

Von genau einem solchen schrecklichen Kater berichtet Viola*. Sie hat eines Mittwochs kurz vor Ende des Diensts – ebenfalls im Home Office – von ihrer geplanten Beförderung erfahren, die natürlich standesgemäß begossen gehört. Ohne Arbeitskolleginnen und alleine in der Wohnung. Wäre es erlaubt, hätte sie direkt ihre klassischen Party-Gruppen angeschrieben: „Ungefähr 15 Leute finden sich da bei spontanen Anlässen schnell mal.“

Die abwesende Crowd kann allerdings kein Grund sein, nicht zu feiern. Die erste Weinflasche ist schnell leer, im Videochat mit den besten Freundinnen geht noch eine weg. Als Violas Freund nach Hause kommt, ist eine weitere halbe Flasche obligat. Sie erzählt, das auf dem Weg zum Rausch alles so war, wie immer. Die Gefühle sind gute, die Stimmung ist nicht zu kippen. Sie hätte sich sowieso ein paar Weinflaschen genehmigt, sagt sie, aber schon auch Energie fürs Wochenende aufsparen wollen.

Erst nach dem Videochat mit den Freundinnen bricht das Gefühlshoch ab. Alleine und betrunken in der Wohnung zu sitzen, macht eben doch nicht nur Spaß. Es ist die Zeit, zu der langsam auch jene ihre Stimmen gegenüber den Maßnahmen der Bundesregierung kritisch erheben, die in der Vorwoche noch #teamösterreich waren. Manche dachten, dass wir uns bald wieder in lauten Clubs die Nächte um die Ohren schlagen würden, wenn wir das eine oder andere Wochenende brav daheim blieben. Stattdessen wird die soziale Isolation verlängert. Viele Menschen wissen nicht, was Sache ist, niemand durchblickt die Maßnahmen. Es wirkt wie eine kollektive Desillusionierung.

Eine Desillusionierung, die mit Kopfschmerzen am nächsten Tag einhergeht. Sie hatte zwar den gewünschten Rausch-Moment, aber – und das ist meine zweite Erkenntnis – ohne die richtigen Umstände und das sich unterbrechende, ablenkende Miteinander und Durcheinander und manchmal Chaos, das zu lustigen schusseligen Momenten führt und uns mit Geschichten für später aus dem Alltag herausreißt, sind Partys eben auch nicht wirklich Partys. Am Telefon fasst sie zusammen: „Partys bleiben für mich ein soziales Ereignis. Es war die traurigste Feier meines Lebens.“

Lernen, sich selbst zu feiern

Nicht nur ein neues Lebensjahr, sondern ein neuer Lebensabschnitt war wiederum für Christa der Anlass, sich mal wieder ausgiebig zu feiern zu lassen. Von sich selbst. Neben ihrer Vollzeitanstellung studierte sie zwei Masterstudien, von denen sie eines Ende März beenden wollte. Die Mail, dass die Semester fürs Erste online stattfinden und Prüfungen vermutlich verschoben würden, verpasste der Sache einen Dämpfer. Zu guter Letzt einigte sie sich mit dem Prüfungskomitee auf eine Abhaltung in der digitalen Variante.

Christa setzte sich also entspannt im Meme-typischen „Oben Business, unten Bett”-Look mit Bluse und Jogginghose vor den Laptop – und absolvierte per Videochat ihre Masterprüfung. „Nachdem die Prüfung vorbei war und ich mein sehr zufriedenstellendes Ergebnis hatte, habe ich meinen Computer zugeklappt und stand dann einfach mal nur blöd in der Wohnung herum, war noch immer extrem hibbelig und aufgewühlt von der Prüfung und wahnsinnig aufgeregt und irgendwie verloren“, erinnert sie sich an der ersten Moment der Erlösung. Sie zieht los und kauft sich Wein, um den weiteren Tag beschwingt in ihrer Wohnung zu verbringen, ab und an ein Glas zu nippen, Musik zu hören, alleine zu tanzen und kurz angebunden das engste Umfeld von ihrem Erfolg zu informieren.

Ohne Corona-Maßnahmen wäre Christa nach der Prüfung zurück ins Büro gefahren und hätte die restliche Woche auf einer Konzertreise verbracht. Durch die Isolation konnte sie sich völlig auf sich selbst konzentrieren und war ihr eigener Mittelpunkt: „Es war einfach nur schön“, sagt sie abschließend. „Und ich bin so froh, mit mir selbst gewesen zu sein. Einfach in aller Ruhe und in meinem Tempo feiern und vergegenwärtigen zu können, was mir da eigentlich gerade gelungen ist. Und was für ein riesiger Lebensabschnitt zu Ende ging.“ Meine dritte Erkenntnis aus Christas Erzählung: Die Krise als privilegierter kinderloser Jungmensch als Möglichkeit für mehr Selbstreflexion nutzen.

Erinnerungsfaktor Dystopie

Obwohl die Gründe, die Verläufe und die Nachwirkungen dieser Partys unterschiedlicher nicht hätten sein können, hatten alle Anlässe eines gemeinsam: Sie fanden anders statt als sonst. Und zwar nicht, weil sie geplanterweise besonders waren, sondern weil sie durch die Umstände zu Feiern wurden, die sich so schnell (hoffentlich!) nicht wiederholen lassen. Alle drei Personen erzählen fast wortgleich von einem Gefühl, das sie so schnell nicht wieder vergessen werden. Es gleicht einer Art von dystopischem Party-Galgenhumor, dass das Schlimmste, was vielen von uns derzeit zuhause blüht, keine Zombie-Horde, sondern nur ein Partyausfall ist (wenn auch mit ernsten Konsequenzen für viele kleineKünstler*innen). Und es ist beruhigender und wichtiger denn je, die Kanäle und Gadgets zu haben, über die wir uns frei austauschen können. 2020 zeigt, dass das Trennende auch zum Verbindenden werden kann. Und so bleiben die Feierlichkeiten 2.0 auch trotz manchem Kater in langer, wenn auch weirder Erinnerung.

*Name vom Autor geändert.

Sandro × Magnet

Sandro Nicolussi

Sandro Nicolussi ist Mitte 20 und begeistert sich für (elektronische) Musik, semi-rücksichtsvolles Radfahren und Gedichte. Seine Artikel sind bisher unter anderem im Falter, Wiener, Biber und bei VICE erschienen.

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