21.09.20 – Barbara Wimmer

Nichts altert schneller als die Zukunft. Wer nicht stehen bleiben will, muss deshalb auch an ungewöhnlichen Orten nach neuen Antworten suchen. Zum Beispiel in der Science-Fiction. Aus diesem Grund laden wir unter "Refresh the Future" junge österreichische Autor*innen ein, ihre Zukunftsvisionen mit uns zu teilen. Der folgende Text ist Teil dieser Reihe.

Was für ein scheiß Tag. Es war schon schlimm genug, dass Marianne in der Früh keinen Kaffee gehabt hatte, bevor sie mit der Métro in die Arbeit gefahren war. Die Kaffeemaschine hatte ausgerechnet dann eine neue Firmware installieren müssen, als sie ihr schwarzes Gold per App runterlassen wollte. Händisch war die Maschine nicht mehr zu bedienen. 30 Minuten hatte sie gewartet, dann war sie aufgebrochen. Ohne ihr Lebenselixier, das täglich dafür sorgte, dass sie in die Gänge kam.

Jetzt stand sie im Fuße des Tour CB21 im Hochhausviertel La Défense in Paris. Der Wolkenkratzer hatte 44 Stockwerke und sie arbeitete in der 26. Etage. Von dort blickte sie in ihren Pausen oft genug verträumt aus den verglasten Fenstern auf Paris herab. Regelmäßig beobachtete sie einen älteren Herren, der mit seiner Französischen Bulldogge täglich zur Mittagszeit spazieren ging. Gerade als sie ihre Zutrittskarte aus ihrer Handtasche zog, sah sie plötzlich die Schnauze des Hundes vor sich. Er hechelte und war geschmückt mit langen, schleimigen Fäden, die ihm rechts und links vom Gesicht runterhingen. Der ältere Herr wischte sie ihm routinemäßig mit einem Taschentuch ab, als sie gemeinsam schweigend das Gebäude betraten.

Vor dem Lift standen dutzende Menschen brav in einer Schlange aufgereiht. Sie schienen zu warten. Marianne blickte den Mann mit der Bulldogge fragend an, doch er zuckte nur mit seinen Schultern. Der Hund schnüffelte an ihren Schuhen. Als sie sich dem Aufzug näherten, hörten sie ein Gespräch von zwei Wartenden mit.

„Der Aufzug macht gerade ein Virus-Update? Seit wann kann denn ein Lift krank werden?“
Marianne musste unwillkürlich laut lachen, auch wenn sie den Scherz nicht wirklich komisch fand. Auch der ältere Herr neben ihr schmunzelte, die Bulldogge grunzte.
„Ich verstehe nicht, wieso man selbst einen Aufzug mit dem Internet verbinden muss. Was bringt das für einen Mehrwert?“
„Na das ist doch ganz logisch: So erkennt man einfacher, wenn etwas gewartet werden muss, ein Seil locker ist, oder eine Tür klemmt. Dann kann der Aufzug von alleine Alarm schlagen, und es kommt schneller wer vorbei, der ihn repariert.“
„Ja, aber, … wir warten jetzt schon 30 Minuten und es ist noch immer kein Mechaniker da.“
„Brauchen wir auch gerade keinen. Das Update läuft schließlich von alleine.“
„Und wann ist es endlich fertig? Das ist ja wohl ein schlechter Scherz. Was das jetzt die Unternehmen an Arbeitszeit kostet!“
„Das hätte man in der Tat einberechnen müssen. Ich bin mir sicher, dass das nicht entsprechend kalkuliert wurde.“
„Sag ich ja: Es ist völlig unnötig, einen Aufzug mit dem Internet zu verbinden.“
„Das müsste man berechnen …“

Marianne und die Bulldogge grunzten, der ältere Herr lächelte.
„Meine Kaffeemaschine hat heute Morgen auch 30 Minuten für das Update gebraucht“, sagte Marianne und brach damit das Schweigen.
„Das soll heutzutage vorkommen. Aber David und ich, wir sind jetzt ganz tapfer und gehen zu Fuß hinauf!“
„In welchem Stockwerk arbeiten Sie denn?“
„Im fünften.“

„Ach, das geht. Ich muss leider warten. 26 Etagen schaffe ich nicht zu Fuß. Die Kondition habe ich nicht!“
„Dann drücke ich Ihnen die Daumen, dass die Störung bald behoben ist!“
Marianne sah dem Mann mit seiner Bulldogge noch eine Weile hinterher. Seinen schlurfenden Gang hatte sie bisher noch nie bemerkt. Wie sehr sehnte sie sich nach einem Kaffee!

Plötzlich machte es „Ping!“ und der Aufzug war fertig mit seinem Virus-Update. Die Tür ging auf und es drängten sich die ersten 20 Leute in die Kabine hinein. Marianne schaffte es erst bei der dritten Fahrt, einen Platz im Lift zu ergattern, der an die Grenzen seiner Zulassung stieß, weil er so vollgestopft war. Marianne spürte den Aktenkoffer eines Geschäftsmannes an ihrem Hintern, vor ihrem Gesicht türmte sich ein unrasierter Kerl auf, der heute Morgen offenbar kein Deo verwendet hatte. Sie wünschte, es wäre genug Platz, um sich wegzudrehen. 15 Minuten später – der Lift blieb in nahezu jedem Stockwerk stehen – war Marianne endlich im Büro angekommen. Viele waren noch nicht da, offenbar hatte der Aufzug nicht nur ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Nachdem Marianne ihren Rechner eingeschaltet hatte, ging sie in die Gemeinschaftsküche, um sich ein Sodawasser aus der Maschine zu sprudeln. Sie mochte kein stilles Wasser und nach der langen Warterei hatte sie Durst. Doch als sie auf den Knopf drückte, blinkte der Bildschirm auf: „Bitte warten. Soda Maschine aktualisiert.“ Das kann jetzt nicht wahr sein, dachte Marianne. War heute Tag der Updates, Tag der Aktualisierungen, der Tag, an dem sich alle vernetzten Dinge gegen sie verschworen hatten? Statt zu warten, bis die Maschine fertig war, gab sie sich mit einem Glas Leitungswasser zufrieden und ging zurück zu ihrem Arbeitsplatz.

Es war einer dieser Wintertage, an denen es von vornherein nicht so richtig hell wurde. Die Wolken verdeckten die Sonne, und es hingen graue Nebelschwaden über dem Viertel. Der Ausblick war an Tagen wie diesen eher mau, doch blickte Marianne dennoch aus dem Fenster. Sie musste lächeln, als sie sich an ihr Gespräch mit dem älteren Herren von heute Morgen erinnerte. Sie war verblüfft gewesen, als sie zum ersten Mal seine tiefe, sympathische Stimme gehört hatte. Auch das Grunzen von David, wie er seinen Hund genannt hatte, war ihr im Ohr geblieben. Sie beobachtete eine Weile die Menschen, die unter ihrem Fenster gingen , bis sie in der grau-weißen Nebelhülle aus ihrem Blickfeld verschwanden. Marianne seufzte einmal tief, und wandte sich wieder ihrer Tabellenkalkulation zu.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass es ziemlich finster im Raum war. Marianne gähnte. Ihr fehlte der Push ihres morgendlichen Kaffees. Früher wäre sie jetzt aufgestanden und hätte das Licht aufgedreht, doch im hochmodernen Tour CB21 hatte man selbst die Lichtanlage vernetzt. Jetzt konnte sie das Licht mit der „Büro-App“ aufdrehen, ohne dass sie ihren Schreibtischsessel verlassen musste. Doch als sie die App startete, kam zurück: „Update läuft.“ Marianne fluchte und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Erst exakt eine halbe Stunde später ließ sich endlich das Licht einschalten, nachdem die App mit ihrer Aktualisierung fertig war. Als es endlich hell im Raum war, begannen ein paar ihrer Kollegen zu klatschen. „Bravo, ein Hoch auf die Technik! Endlich können wir das Licht einschalten!“ Die meisten nahmen den Vorfall mit Humor, einige wenige konnten ihn nur mit Ironie verarbeiten. Marianne trommelte ungeduldig mit ihren Fingern auf den Tisch. Vor ihr lag ein Haufen Arbeit und jede Irritation warf sie in ihrem Plansoll zurück.

Plötzlich läutete Mariannes Handy. Madame Brigitte, wie ihre Großmutter bei allen in ihrer Familie hieß, rief sonst nie an. Marianne war beunruhigt. Sie rutschte nervös mit ihren Pobacken auf dem Stuhl hin und her und fragte mit aufgeregter, stark nach oben gehender Stimme: „Oma, was gibt’s?“
„Ach, mir ist langweilig und ich bin ein wenig nervös.“
„Wo bist du?“
„Ich sitze gerade im Wartezimmer im Spital. Mein Herzschrittmacher muss erneuert werden.“
„Dein Herzschrittmacher muss WAS?“
„Er braucht eine Aktualisierung, haben sie gesagt. Sonst können ihn Hacker angreifen und mich umbringen. Sie haben alle, die dieses Modell haben, heute ins Spital bestellt.“
„Ist das nicht gefährlich?“
„Weniger gefährlich, als wenn das Ding gehackt wird.“
„Machen das Ärzte oder Hacker?“
„Ärzte. Drei Minuten dauert es, dann kann ich wieder heim.“
„Ich drücke dir die Daumen, dass alles gut geht!“
„Danke, mein Liebes.“
Drei Minuten dauert ein Update bei einem Herzschrittmacher also, dachte Marianne, nachdem sie das Telefonat mit Madame Brigitte beendet hatte. Das war zehnmal kürzer als der Lift und die Lichtanlage im Büro.

Abends wollte Marianne diesen Tag nur noch zu den Akten legen. Ihre To-Do-Liste war nicht einmal ansatzweise abgearbeitet, ihr Chef hatte an ihr herumgenörgelt und ihre Kollegin hatte ihr Outfit kritisiert. Nur die Begegnung mit dem älteren Herren und seiner Bulldogge waren ein Lichtblick gewesen. Jetzt wollte sich Marianne einfach nur noch entspannen. Sie zog Willy, wie nur sie ihn nannte, aus ihrer Schublade und schaltete ihn per App ein. Die sanften Vibrationen waren zum Start recht angenehm. Sie atmete tief durch, wurde ein wenig lockerer und stöhnte leise: „Ja, das tut gut.“ Doch es war nicht genug.
Mehr. Marianne brauchte mehr. „Schneller, mein Schatz, fester”, flüsterte sie. Sie suchte nach dem passenden Programm. Doch statt des Power-Modus bekam sie folgende Meldung: “Software-Update wird installiert. Bitte schalten Sie das Gerät während des Downloads nicht aus.” Frustriert warf sie Willy ins Eck, wo er weiter im selben, sanften Rhythmus vor sich hin vibrierte. Was für ein scheiß Tag.

Barbara × Magnet

Barbara Wimmer

Barbara Wimmer ist Netzjournalistin, Buchautorin und Vortragende und lebt in Wien. Sie schreibt und spricht seit mehr als 13 Jahren über IT-Security, Netzpolitik, Datenschutz und Privatsphäre. Ihr erster Roman „Tödlicher Crash“ erscheint 2020 bei Gmeiner. Die Kurzgeschichte "Bitte aktualisieren" ist zuvor als Teil des Buches "Smart Lies – alles smart?" im edition mono Verlag erschienen.

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